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Elf Tracks lang holt T.Raumschmiere alles aus seinem Laptop raus. Mit einem Monstertruck, der den Techno-Spießern mit Bausparvertrag keine Chance lässt!
So geht einer mit Computern um, der noch vor zehn Jahren seiner Energie am Drumkit einer Punkband freien Lauf ließ und quasi als spätberufener Quereinsteiger Mitte der 90er zur elektronischen Musik fand.
Der Monstertruck mit Donner-PA auf dem Tieflader nimmt rotzig Fahrt auf. Ungeteilte Aufmerksamkeit hin und zurück in 43 Minuten 04 Sekunden. Keine Konsumenten im Kontrollradar der Konzerne. T.Raumschmiere jagt durch die Funkfinsternis und die Welt reibt sich die Ohren. Unbekannte tanzen auf der Strasse wie die eigenen Gedanken Pogo im Kopf.
Kein Wunder, dass Altmeister Sven Väth den Track "Monstertruckdriver" seit Wochen auf Platz eins seiner persönlichen Charts führt, noch vor dem neuen LFO-Stück "Freak".
"I'm not deaf I'm ignoring you" resümiert das infernale Intro und pustet in düsteren Riffs die Restwirrnis des Medienkleisters aus dem Hirn. Jetzt ist Platz auf dem Mittelstreifen für den "Monstertruckdriver", der in dreifach verdichteter Knarzigkeit T.Raumschmieres Spezialtreibstoff, den in Achtel gestückelten, nachtretenden Bass, verbrennt und nur all zu deutlich macht, wer hier am Steuer sitzt.
"Someday" - schon möglich, dass wir uns eines Tages mit den Flippers und den Melvins in der Hiphop-Gummizelle wiederfinden, wo die kranken Gedanken bouncen. Vielleicht hat T.Raumschmiere auch nur Dabrye und Prefuse 73 besucht, die in der gleichen Anstalt untergebracht sein sollen.
Für "The game is not over" laden T.Raumschmiere und Miss Kittin in bester Suicide-Manier die Bordkanone des Monstertrucks und ballern mit Digi-Punkrock, prollfreundlichen Bratzbässen und biestigen Synthie-Waves den Hells Angels Bremsspuren in die Lederhosen.
"Drown in the sea while watching the stars" ist der revolvierend dramatische Traum von Melancholie-Junkies, die sich nach einer Überdosis depressiver Beats mit romantischem Aroma sehnen. Andere machen sich lieber in der "Rabaukendisko" kaputt und moschen ihre Köppe zu verwahrlostem Rave-Rock Gegniedel, bis lange fettige Haarsträhnen in Buchstaben auf der Tanzfläche liegen: "Pogo ist ein Meister aus Deutschland". "Wir Kinder vom Bahnhof Strom" ist Crack-House für Kabel-Kids, die auf hibbeligen Zehenspitzen vor dem Computer sitzen und bei jedem Buffer-Overflow die Arme hochreissen.
Für "A million brothers (blah blah blah)" steigt T.Raumschmiere mit der schottischen MC Soom T vom Monkeytribe aus Glasgow in einen Lowrider aus Starkstrom und macht buzzige Backbumper in Zeitlupe. MC Soom T rapt und singt verlockend oldskoolig dazu, kein Wunder, dass Schottlands bester MC als Finalistin und einzige Frau in die 8 Mile MC Championships 2003 eingezogen ist.
Der "Querstromzerspaner" ist die ökologisch saubere Methode zur Entsorgung entrückter Freilufttänzer und muffeliger Chai-Trinker. Denn der Beat zwingt sie zum zentrifugalen Goa-Stampf-Step in zwei gegeneinander laufende Rotationen und lässt sie im Ausfallschritt aufeinander krachen. Jetzt nur noch mit dem Mähdrescher drüber und fertig.
"Radio Blackout" kommt als Namensgeber für das Album völlig ohne Beats aus und beschreibt das Atmen der Welt im vollständigen Ausfall aller Kommunikationsanlagen. Vereinzelte Funkwellen ohne Empfänger verirren sich in der Ionosphäre. Wer die Medienmonster zum Schweigen bringt wird gehört werden.
Mit "MuSick Boy" verabschiedet sich T.Raumschmiere galant mit einer ungeschönten Selbstdarstellung. Ein heiser-krakeliger roter Faden zieht sich durch die reizüberflutete Industrial-Biosphäre eines Menschen, der mit Maschinen arbeitet.
T.Raumschmiere donnert den Karrierebasslauf mit schnodderiger Unverblümtheit bergauf. Seit 1997 produziert der 27jährige Berliner Marco Haas unter dem der Kurzgeschichte "Die Traumschmiere" (engl. orig. title "The Dreamcops") von William S. Burroughs entnommenen Kunstnamen vorwiegend auf seinem eigenen Label Shitkatapult und zunehmend auf geistesverwandten Imprints wie Kompakt, Hefty Records aus Chicago und nun novamute.
Ebenso wichtig wie das Produzieren ist für T.Raumschmiere das Live-Erlebnis - wenn sich der Spargeltarzan bei seinen zahlreichen weltweiten Live-Gigs die Klamotten vom tätowierten Leib reißt, ist das selbst der New York Times einen Beitrag wert. Dabei schert sich Marco Haas einen Dreck um die Erwartungen anderer und ist mit "stay anti" als Lebens-Logo gelebter Beweis dafür, dass eine gesunde Verweigerungshaltung konstruktiver sein kann als fades Gefälligkeitsdenken im Kompromissklüngel.
Deshalb bleibt auch "Radio Blackout" sowohl konzeptionell als auch stilistisch sich selbst bzw. dem Hörer überlassen, da es weder den Typus des klassischen Artist-Albums noch ein spezifisches Genre bedient. Dadurch gewinnt "Radio Blackout" eine Vielseitigkeit, die selbst diejenigen überraschen dürfte, die meinen, T.Raumschmiere schon zu kennen. Der zeigt mit jedem einzelnen Track einen Ausschnitt aus dem Panorama eines Produzenten elektronischer Musik, der den Blick über den Bildschirmrand hinaus wagt.
Wem dies allein noch nicht überzeugendes Kaufargument genug ist, für den hält T.Raumschmiere gleich vier Videos parat, die sich als computerkompatible Features auf "Radio Blackout" finden. "Monstertruckdriver" gefällt im spartanischen schwarz-weiß Comicstil, "Rabaukendisko" beschwört Haas Drummer-Vergangenheit herauf, bevor "Radio Blackout" den Karren schließlich gegen die Wand fährt (im bildlichen Sinne des Videos wohl gemeint).
(Fredy)
11. Oktober 2003 |

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