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Camp Hansen
: keep music progressive (Musenhain)
Es war von vornherein klar, daß Holger Hansen nach seinem Solo-Debüt "Grün-Orange" Zeit verstreichen lassen mußte, bevor er an einen Nachfolger denken konnte.
So steht denn nach zweijähriger Pause "keep music progressive" ins Haus. Dabei nicht von Holger, sondern von Camp Hansen. Schon durch dieses äußere Zeichen wird klar, daß die eisige Distanz zur Außenwelt, die das zerklüftete "Grün-Orange" kennzeichnete, aufgebrochen wurde. Dabei stehen mit Wenzel von Wartholm und Ray Nottinger zwei Herren mit im Camp, die an der Entstehung des vorangegangenen Tonträger ebenfalls massiv mitwirkten.
Dieses Trio arbeitete in den Jahren 1990 bis 1998 bereits innerhalb der musikalisch teils extrem eklektistischen Formation Permanent Confusion miteinander.
Nach dem Ende dieser Band formierte v. Wartholm mit Gereon Blum (ebenfalls zuvor aktiv bei Permanent Confusion) die Band Frugopop, mit der er das "leichtere" Erbe der vorherigen Gruppe übernahm.
Ray Nottinger wandte sich in den folgenden Jahren weitestgehend der Studioarbeit zu und leitete musikalische Ideen in sein entstehendes Projekt Trancevibal.
Holger Hansen, der bis 1998 meist "nur" als Texter und Sänger aktiv wurde, arbeitete sich nun drei Jahre
an der kantig-dunklen Seite des bisherigen musikalischen Werkes ab.
Es entstand der undurchsichtige Monolith "Grün-Orange", der im Dezember 2001 das Licht der Welt erblickte.
v. Wartholm und Nottinger legten ebenfalls freundschaftlich Hand an, doch besaß diese Platte einen zu starken persönlichen Charakter,
und so prangte alleine der Name des direkten Schöpfers Holger Hansen auf dem Cover.
Bereits im Februar 2002 kam es unter Zuhilfenahme des Gitarristen Gilles Granget zu ersten Sessions, welche in einen stärker Band-Orientierten Sound münden sollte.
Durch die zahllosen Verpflichtungen ausserhalb dieser ersten Quartettversion des Camp Hansen, verlief sich dieser Versuch zunächst.
Es verging ein Jahr, während Holger Hansen eine gültige Vision suchte, die bisher unbefriedigten künstlerischen Sehnsüchte zu stillen.
In dieser Zeit wechselten sich sporadische Studioexperimente und fundamentale Aufbauarbeit am heimischen Rechner ab, aus denen sich bis in den Herbst 2003 eine Basis herausschälte, die nun durch den Dreibund in konzentrierter
Arbeit in die Form "keep music progressive" gegossen wurde.
Einen Fingerzeig auf die jetzt abgeschlossene musikalische Entwicklung gab es derweil in zwei Variationen: Zum einen wurde im Sommer 2003 bereits der Opener "Letzte Ausfahrt Jammertal" auf dem Musenhain-Sampler "extra 002" veröffentlicht, was durchgehend positive Resonanz nach sich zog (und den Künstler leicht verunsicherte). Zum anderen ließ sich der öffentlichkeitssfaule Namesgeber des Camp Hansen bei seinem bis jetzt einzigen, post-"Grün-Orange"-n Auftritt nicht lumpen und konterkarierte weite Teile dieser Platte bis zur Unkenntlichkeit (u.a. der nicht ganz gelungene Versuch mit dem Publikum zu lautem Hiphopbeat das Drama "unten" live als archaischen Call-and-Response-Blues aufzuführen). Hier hielt unvermutet der Faktor Humor Einzug ins Schaffen von Herrn Hansen. Und überraschenderweise blieb er.
Es kommt jedoch nun nicht zur reinen Comedy-Show, obwohl dieser Eindruck möglicherweise den gestählten Hansen-Conniseur befallen sollte. So ist beispielsweise "Letzte Ausfahrt Jammertal" alleine von textlicher Seite ein krimineller Beutezug durch William Burroughs' "naked lunch", Jean Genets "Querelle" und die zeitgenössische Befindlichkeit bundesrepublikanischer Meinungsführer. Um es kurz zu fassen: Eine Frechheit mit Ohrwurmcharakter.
Was von "Mengenkrise" ebenfalls gesagt werden könnte, geht doch dieses lästerliche Stück mit den nicht leugbaren Existenzproblemen einer Menge Menschen hausieren und bedient sich dazu lächerlicher Worte: "Zuviele Männer, zuviele Frauen". Wie schon auf dem Vorgänger läßt Hansen gerne seine Hörer im Regen des "Hilfe, ich habe eine eigene Meinung finden müssen" hängen. Gut nur, daß es jetzt Melodie, Rhythmus und Hooklines gibt...
Die beiden folgenden Stücke bilden einen feinen Kontrast zwischen Persiflage und Ernsthaftigkeit. "Autorenmusik" geht mit einer ungeahnten Harmonie einher, die watteweich daherschwebt, dabei von einer dreisten Radioverunglimpfung eingeläutet wird. "Mitte der Welt" reizt nach dieserBeruhigung auch nicht zum lachen, sondern erzählt vom Finden eben der angesprochenen Mitte. Ein starker und trotz fehlender musikalischer Begleitung intensiver Fokus dieser Platte, in welchem Holger Hansen Farbe bekennt und der persönlichen Wahrheit freien Lauf läßt.
Diese bleibt auch in "weitere Stimmen im Meinungskonzert" bestehen, denn Hansen gibt sich hier in einer seiner Lieblingsrollen: Prediger. Doch imposant ist die Arbeit der Musiker, die dieses kalte, neblig-rumpelnde Agitationstheater in einen positiven Chor der Befreiung umkehren. Gospel kommt einem in den Sinn, doch wird dies lachhaft verworfen, bevor dem Rezipienten einfällt, daß es sich hier um blasse Mitteleuropäer handelt. Also doch: bleichgesichtiger Gospel.
Wer den alten Hansen nicht mehr wiederzufinden fürchtete, dem werden "Intermission" und "die Strassen von Sankt" die Ohren wärmen. Universell unverständliche, emotionelle Kriminellenmusik, die gerne das Blut der anderen verschüttet. Der Mann hat seine Aggressionen noch nicht völlig verloren.
Das Leid der Mitmenschen bleibt denn auch Thema in "Tragödie" und dem die Platte zur Strecke bringende "Niflheim", wobei sich diese Stücke überraschenderweise textlich jegliche Uneindeutigkeit vermeiden und ohne viel Federlesens auf den Punkt kommen. Hansen strebt im Abschlußstück nebenher den Beweis an, daß Modernität in der Substanz nie existierte. Ein gewagtes Unterfangen.
(Fredy)
30. Juni 2004 |

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