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Soundcheck: Terence Blanchard - A Tale Of God’s Will [A Requiem For Katrina] 
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Terence Blanchard : A Tale Of God’s Will [A Requiem For Katrina] cover

Terence Blanchard : A Tale Of God’s Will [A Requiem For Katrina] (EMI)

Terence Blanchard, der bereits zwei von der Kritik hochgelobte Alben („Bounce“, 2003; „Flow“ 2005) auf Blue Note veröffentlicht hat, präsentiert mit „A Tale Of God’s Will (A Requiem For Katrina)“ nun sein bislang persönlichstes Werk. Das in Los Angeles und Seattle mit Aaron Parks (Piano), Brice Winston (Saxophon), Derrick Hodge (Bass), Kendrick Scott (Schlagzeug) und Zack Harmon (Tablas) sowie dem 40-köpfigen Orchester The Northwest Sinfonia aufgenommene Album ist ein bewegendes, zwischen Zorn, Wut, Mitgefühl, Hoffnung und tiefer Melancholie changierendes Album, das die verheerenden Auswirkungen des Hurrikans Katrina auf die Stadt New Orleans und ihre Bewohner in vielschichtigen und tiefgründigen Klangbildern widerspiegelt.

Jahrzehntelang war Blue Note Records die künstlerische Heimat der besten Trompeter des Jazz. Fats Navarro, Clifford Brown, Miles Davis, Kenny Dorham, Lee Morgan, Freddie Hubbard, Donald Byrd, Don Cherry, Blue Mitchell – sie alle standen entweder direkt bei Blue Note unter Vertrag oder zeigten ihre besonderen Talente auf herausragenden Veröffentlichungen des Labels. Mit Wynton Marsalis und Terence Blanchard gehören auch heute zwei der einflussreichsten Trompeter, Komponisten und Bandleader ihrer Generation zum Blue-Note-Künstlerstamm.
„Als Künstler sind wir dazu berufen, auf solche Katastrophen angemessen zu reagieren“, sagt Terence Blanchard. „Für mich, wie für so viele andere, hat es jedoch einige Zeit gedauert, bis ich das Unglück in seiner ganzen Dimension überhaupt erfassen konnte. Ich wusste, dass ich meine Empfindungen musikalisch ausdrücken musste, aber so viele wichtige Dinge, etwa die Sicherheit meiner Familie und die Frage, ob und wie ich das Haus meiner Mutter wieder aufbauen sollte, ließen mir keine Zeit zum Atemholen.“

Aber dann drehte der Regisseur Spike Lee für HBO den Dokumentarfilm „When The Levees Broke“ über New Orleans nach Katrina und Blanchard wurde mit der Komposition der Filmmusik beauftragt. „Nachdem ich damit begonnen hatte, war mir klar, dass ich noch weitere Stücke schreiben würde“, erinnert sich der Trompeter. „Zur gleichen Zeit arbeiteten auch meine Bandmitglieder an Musik, die sich mit Katrina beschäftigte. Es war also ganz natürlich, die Band für ein Albumprojekt zusammenzubringen.“

Vier Stücke aus dem Soundtrack zu der preisgekrönten Dokumentation bilden den Kern von „A Tale Of God’s Will“, wenngleich in veränderten Arrangements. „Spikes finanzielle Mittel waren so gering, dass es kein Geld für eine Orchestrierung gab“, erzählt Terence Blanchard. „’Levees’ etwa beschreibt die Ruhe vor dem Sturm, was mit dem neuen Streicherarrangement am Anfang des Stücks nun sehr viel besser gelingt. Im weiteren Verlauf steigert sich das Orchester. Der Sturm beginnt und die Dämme brechen. Im zweiten Teil sind die Menschen dann auf den Dächern der Häuser und warten auf Hilfe, weshalb die Trompete diesen flehenden Ton annimmt.“

Auf dem bedrohlich wirkenden „The Water“ entfaltet das Orchester seine ganze Pracht, überragt von Blanchards klagender Trompete. „Das Wasser war überall. Die Stadt sah aus als läge sie mitten im Ozean“, erinnert sich der Musiker, der sich während der Katastrophe nicht in New Orleans aufhielt, aber alles auf CNN verfolgte. „Ich konnte es nicht glauben, achtzig Prozent der Stadt standen unter Wasser und meine alte Nachbarschaft war von bis zu vier Meter hohem Wasser bedeckt. Das erinnerte mich an meine Kindheit, als der Hurrikan Betsy New Orleans traf und die Straßen ein paar Fuß hoch unter Wasser standen. Seit damals habe ich Angst vor Wasser.“

Weitere Stücke aus Spike Lees Doku sind das lyrische „Wading Through“, das auch in Lees Film „Inside Man“ eingesetzt wurde, und der schwermütige Marsch „Funeral Dirge“, Blanchards ganz persönliche Hommage an jene, die während und nach der Katastrophe ihr Leben verloren. „Es war sehr bewegend, an diesen Stücken zu arbeiten. Manchmal musste ich eine Auszeit nehmen, einfach rausgehen, mit den Kindern spielen, um die Bilder von all den Toten in meiner Nachbarschaft für kurze Zeit aus meinem Gedächtnis zu verbannen.“

TerenceBlanchard_m.jpgInspiriert von „When The Levees Broke“ schrieb er im Anschluss eine berührende Komposition für seine Mutter („Dear Mom“) sowie drei Titel, die an frühere Katastrophen erinnern. Der nur aus Perkussion und dem Chorgesang „This Is The Tale Of God’s Will“ bestehende Albumeinstieg „Ghost Of Congo Square“ kokettiert mit afrikanischen Rhythmen, „Ghost Of Betsy“ ist ein wildes Ringen zwischen Trompete und Bass und „Ghost Of 1927“ ein beklemmendes Saxophon-Schlagzeug-Duett. Kaum weniger emotional und stilistisch vielseitig als diese spontan bei den Aufnahmen entstandenen „Geisterbeschwörungen“ sind die Kompositionen der Bandmitglieder. Das elegische „Ashé“ – das Wort ist aus der Sprache der Yoruba und bedeutet „so soll es sein“ - stammt aus der Feder des Pianisten Aaron Parks. Der Saxophonist Brice Winston zeichnet für das hypnotische, beinahe spirituelle „In Time Of Need“ verantwortlich. Kendrick Scotts episches, mit beschwörend klingenden Tablas eingeleitetes „Mantra“ bietet Raum für spannungsreiche Interaktionen zwischen den Musikern und Derrick Hodge liefert mit dem harmonischen „Over There“ das wohl hoffnungsvollste Stück des Albums, sozusagen das Licht am Ende des Tunnels.

Dieses zu entdecken fällt indes nicht leicht angesichts der nach wie vor prekären Situation vieler Bewohner von New Orleans. Bei den Aufnahmen des Albums musste sich Terence Blanchard deshalb, wie er selber einräumt, immer wieder beherrschen und zurücknehmen. „Ich war so frustriert und so zornig. Ich wollte auf jedem Stück meine Trompete wie einen Schrei klingen lassen. Denn während wir immer noch in den Trümmern unserer Häuser standen, war der Rest der USA wieder zur Normalität zurückgekehrt. Keiner interessierte sich mehr für unser Leben.“ Deshalb sind Spike Lees Film und das von diesem inspirierte Album „A Tale Of God’s Will“ auch so wichtig für Terence Blanchard: „‘A Requiem For Katrina‘ erzählt eine Geschichte, die von möglichst vielen gehört werden sollte, damit die Menschen weiter darüber sprechen und uns in New Orleans nicht vergessen.“

Terence Blachard wurde am 13. März 1962 in New Orleans geboren. Gefördert von seinem Vater, einem Opernsänger, offenbarte er schon als Kind ein enormes musikalisches Talent am Klavier. Zur Trompete fand er in der Grundschule, nachdem er Alvin Alcorn gehört hatte. Nach seinem Schulabschluss am New Orleans Center for Creative Arts bei Ellis Marsalis erhielt er ein Stipendium für die Rutgers University in New Jersey und noch als Student ein Engagement in der Band von Lionel Hampton. 1982 schlug ihn Wynton Marsalis als seinen Nachfolger bei Art Blakey‘s Jazz Messengers vor. Vier Jahre später gründete er mit dem Saxophonisten Donald Harrison ein Quintett, das bis 1990 drei vom Neo-Bop beeinflusste Werke einspielte. Es folgten zahlreiche Alben als Bandleader, darunter die erfolgreichen Longplayer „The Billie Holiday Songbook“ (1993) „The Heart Speaks“ (1996) und - mit Dave Holland und Branford Marsalis - „Wandering Moon” (1999). Mehrfach wurde Blanchard vom Down Beat Magazine zum Musiker des Jahres gewählt und für den Grammy nominiert. 2006 erhielt er für das von Herbie Hancock produzierte „Flow“ gleich zwei Nominierungen.

Terence Blanchard ist aber nicht nur ein begnadeter Bandleader und Instrumentalist. Er ist auch ein kreativer Filmmusikkomponist, der mit seinen von europäischer Klassik inspirierten Scores eine Wiedergeburt des Jazz in der Orchestermusik herbeiführte. 41 Soundtracks hat der Trompeter, der auch das Thelonious Monk Institute Of Jazz leitet, bislang geschrieben. Am häufigsten arbeitete er mit dem Regisseur Spike Lee zusammen, unter anderem bei den Filmen „Mo Better Blues“, „Malcolm X“, „Jungle Fever“, „Summer Of Sam“, „The 25th Hour“ und „Inside Man“. Mit „A Tale Of God’s Will (A Requiem For Katrina)“ unterstreicht Terence Blanchard nun einmal mehr seine herausragende Stellung im Jazz der Gegenwart. Die Veröffentlichung wird von einer weltweiten Tournee flankiert. Unter anderem treten Terence Blanchard und seine Band beim diesjährigen Jazzfestival in Montreux auf. (Fredy)  22. September 2007
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