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Soundcheck: Gianluca Petrella - Kaleido 
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Gianluca Petrella : Kaleido cover

Gianluca Petrella : Kaleido (Blue Note | EMI)

In die Garde der Jazzerneuerer hat sich neben bewährten Blue-Note-Stars wie dem New Yorker Trio Medeski, Martin & Wood, dem texanischen Pianisten Robert Glasper, dem in Frankreich beheimateten Trompeter Erik Truffaz und dem italienischen Saxophonisten Stefano di Battista nun ein weiterer aufstrebender Jazzmusiker aus Italien gesellt: der Posaunist Gianluca Petrella. Bereits vor zwei Jahren hatte der 32-jährige Musiker aus der Hafenstadt Bari sein Blue-Note-Debüt vorgelegt, benannt nach seinem hochkarätig besetzten Quartett "Indigo 4", mit dem er nun auch "Kaleido" über weite Strecken eingespielt hat. Seine drei Begleiter bei Indigo 4 sind der Saxophonist und Klarinettist Francesco Bearzatti (2003 ausgezeichnet als größtes Talent von Italiens Jazzmagazin "Musica Jazz" und mittlerweile Leader bei einigen der besten neuen Formationen der italienischen Jazzszene), der Bassist Paolino Dalla Porta (der Veteran der Band, spielte schon bei Nexus und im gefeierten Trio von Stefano Battaglia) sowie der Schlagzeuger Fabio Accardi (stammt wie Petrella aus Bari und hat sich als Riesentalent in Europa wie in den USA einen Namen gemacht).

Ursprünglich wollte Gianluca Petrella seine diversen Aktivposten als Musiker für "Kaleido" unter einen Hut bringen. Der umtriebige Posaunist firmiert schließlich nicht nur in einem weiteren Quartett ("Domino"), sondern auch in Duos (mit Antonello Salis respektive Furio Di Castri), einem funk-orientierten Trio ("Bread & Tomato") und in der zehnköpfigen Cosmic Band (die dem legendären Sun Ra Arkestra nacheifert). Doch dann ergänzte er Indigo 4 bei den Albumaufnahmen lediglich um ein paar prominente Gäste, darunter der New Yorker Trompeter Steven Bernstein (gehörte John Lurie's Lounge Lizards an, spielt in der Band Sex Mob, arbeitet häufig mit Hal Willner zusammen und veröffentlicht Projekte auf dem Label von John Zorn). Den Pianisten/Organisten Michele Papadia kennt Petrella von seinem Trio. John De Leo gehört zu Italiens markantesten Jazzsängern und kennt mit seiner bärbeißigen Stimme keine Berührungsängste mit anderen Genres. Beste Voraussetzungen, an dem avantgardistisch anmutenden Klangtrip von "Kaleido" teilzunehmen.

"Kaleido" ist von "Kaleidoskop" abgeleitet und Petrella und Co. machen dem Albumtitel alle Ehre, wenn die 15 zumeist nahtlos ineinanderfließenden Titel immer wieder in neue Farben und Formen aufbrechen. Dabei reicht das Spektrum von historisch fundierten Versatzstücken des Jazz, wobei hier Elemente von Blues ("Slow Bars"), Dixieland und New-Orleans-Jazz ("Spacebones") aufgegriffen werden und in überraschend ungewöhnlichen Kontext gestellt werden, über psychedelische Arrangements ("Water Everywhere"), Funk-Grooves ("The Indaco Feline") und Free-Jazz-Improvisationen à la Ayler ("Paolino's Scream") bis hin zu postmodernen elektronischen Experimenten mit Loops, Geräuschcollagen und schrägen Rhythmuspatterns ("Almost Cried", "Low Tide"). Vom Opener "Jazz Funeral", der auf einem mitreißenden Basslauf aufbaut und gut und gerne als Soundtrack für nächtliche Autofahrten zu empfehlen ist, bis zu der abschließenden Bassimprovisation "Sheep Freak" entfaltet Petrella hier ein Klangmosaik, das in seiner stilistischen Farbenpracht seinesgleichen sucht.

Die Musikerkarriere von Gianluca Petrella begann Anfang der neunziger Jahre in Bari, wo er das Musikkonservatorium besuchte und sein dortiges Studium 1994 glänzend abschloss. Schon zuvor hatte er sich einen Namen in der Jazzszene gemacht, vor allem durch seine 1993 begonnene, langjährige Zusammenarbeit mit dem Sopransaxophonisten Roberto Ottaviano. Mit ihm sowie Michel Godard, Tom Varner und Marcello Magiocchi spielte er noch im gleichen Jahr das Projektalbum "Koinè" ein. Ebenfalls 1993 nahm er an einem Aufnahmeprojekt des US-amerikanischen Saxophonisten Greg Osby teil. Knapp zwei Jahre später, 1995, avancierte er zum ersten Posaunisten im OFP Orchestra, das von Carla Bley, Steve Coleman und Bruno Tommaso geleitet wurde. 1997 verbrachte Petrella einige Zeit in Deutschland und war auf diversen Festivals zu Gast. Anschließend kehrte er nach Italien zurück, spielte erst mit Enrico Rava und tourte im Sommer mit der von Schlagzeuger Roberto Gatto geleiteten Formation Noisemakers durch Kanada.

Mit Beginn des Millenniums konnte Gianluca Petrella seine Reputation deutlich ausbauen. Zunächst als Mitglied des nationalen Jazzorchesters unter Leitung von Paolo Daminiani, ein Jahr später mit dem Enrico-Rava-Quartett in der Town Hall in New York. Im gleichen Jahr wurde ihm der "Django d'Or" als bestes Nachwuchstalent verliehen. 2001 war zugleich das Jahr, in dem Petrella zum ersten Mal intensiver mit seinem Landsmann Nicola Conte zusammenarbeitete. Er tauchte zeitweise in die italienische Acid-Jazz-Szene ein und verwendete erstmals elektronische Instrumente.

Seit 2001 hat Petrella auf diversen Labels mehr als ein halbes Dutzend Alben veröffentlicht, darunter das Soloalbum "X-Ray" (2001), zwei Alben mit Renato Sellani ("There Is No Greater Love", "Just Friends", beide 2002), eins mit Nicola Conte "New Standard" (2002) und zuletzt eins mit der eingangs erwähnten zehnköpfigen Band "Cosmic Music" (2007). Im Jahr 2005 wählte ihn Italiens Musikmagazin Musica Jazz zum Jazzmusiker des Jahres. Auch in den USA hat sich Gianluca Petrella mittlerweile einen klangvollen Namen gemacht, so wurde er 2006 und 2007 als erster Italiener überhaupt mit dem Down Beat Critics Poll Award ("best rising star trombonist") ausgezeichnet. In Europa zählt er ohnehin zu den zeitgenössischen Topjazzern, was die Auszeichnung mit dem "EuroDjango" im letzten Jahr noch einmal unterstrich. Dass Gianluca Petrella bei Kritik und Publikum gleichermaßen gut ankommt, mag auch daran liegen, dass der smart wirkende Bursche immer auf der Höhe der Zeit ist. "Kaleido" ist der wahrlich schillernde Beweis, der den Ausnahmestatus des erfolgreichen Youngsters weiter festigen dürfte.
(Fredy)  23. Februar 2008
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