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Hevia
: Obsessión (EMI | Capitol)
In unserer schnelllebigen Zeit gerät bisweilen auch manches musikalische Phänomen in Vergessenheit. Das mag bei aller Faszination, die die außergewöhnlichen, keltisch anmutenden Klänge seines Dudelsackspiels ausüben, auf José Ángel Hevia ebenfalls zutreffen. Immerhin ist es schon zehn Jahre her, dass der spanische Musiker mit seinem Album „Tierra de nadie“ seinen weltweiten Siegeszug antrat und mit dem eigenwilligen Sound seines von ihm selbst mit entwickelten, elektronischen Dudelsacks, der MIDI-Bagpipe, die folkloristische Musik revolutionierte. Das Album wurde in mehr als 40 Ländern veröffentlicht und die mehr als zwei Millionen verkauften Exemplare bescherten Hevia nicht nur Gold- und Platinauszeichnungen in so unterschiedlichen Ländern wie Italien, Ungarn, Neuseeland, Belgien und Portugal, sie brachten ihm auch zahlreiche Awards ein, darunter die Goldene Stimmgabel für die Erfolgssingle „Busindre Reel“, die 2001 den Preis für das beste Instrumentalstück erhielt. In Spanien, wo „Tierra de nadie“ dreifach platinveredelt wurde, konnte er im selben Jahr den Musikpreis für die beste traditionelle Aufnahme entgegennehmen. 2003 wurde er schließlich mit der Ehrenmedaille des Fürstentums Asturien für die erfolgreiche Verbreitung der asturischen Kultur im Ausland dekoriert. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Meister der Gaita, wie man den Dudelsack seit jeher im benachbarten Galicien nennt, zwei weitere Alben veröffentlicht: „Al otro lado“ (2000) und „Étnico ma non troppo“ (2003), beides künstlerische Gratwanderungen zwischen Tradition und Moderne, Brücken zwischen der keltischen Vergangenheit seiner Vorfahren und dem kosmopolitischen Lebensgefühl der Gegenwart.
Mit „Obsessión“ veröffentlicht Hevia nun sein erstes Album seit knapp fünf Jahren und es ist mit seinem unüberhörbaren Chill-Out-Touch sein bislang wohl modernstes. Es sind die treibenden Beats, die den Eindruck vermitteln, dass neue Stücke wie „Albo“, „Los mártires de rales“ und „Keltronic“ (sehr treffender Titel!) eher die Nähe zu elektronischen Genres wie Downbeat und Drum‘n’Bass suchen, als dass sie noch im folkloristischen Humus verwurzelt wären. Zweifelsohne ist Hevia auf dem besten Wege, mit seiner Kunst zu neuen Ufern aufzubrechen. Dabei schöpft er die klanglichen Möglichkeiten seiner MIDI-Bagpipe ein ums andere Mal voll aus. Auf „Vueltes“ klingen sie wie ein Akkordeon und liebäugeln mit Tangomotiven und Balkanmelodien. „Carrandi“ wiederum überrascht mit flötenähnlichem Pfeifenzauber und wartet zudem mit jenen Chorgesängen auf, die schon auf früheren Werken von Hevia auftauchten und die ihren Ursprung in Afrika haben dürften. Einen Hauch von Orient verbreitet Hevia auf „Keltic Brass“, wo die Affinität seines Instruments zur Klarinette besonders stark hervortritt. Den krönenden Abschluss der zwölf Album-Tracks bildet „Luz de Domingo“, die Titelmelodie des gleichnamigen Films des spanischen Regisseurs José Luis Garci. Der Film basiert auf einer Kurzgeschichte von Ramón Pérez de Ayala, wurde in Asturien gedreht und Hevia hat darin auch eine kleine Rolle übernommen.
„Obsessión“ ist ein durchaus adäquater Titel für das Album eines Künstlers, der seit seiner Kindheit von seinem Instrument besessen ist. Das Bild eines Dudelsackspielers, den er mit vier Jahren sah, als er mit seinem Großvater eine Prozession erlebte, ließ ihn nie mehr los. Schon mit zehn erlernte er das Spiel auf dem Dudelsack und war von Anfang an begeistert von dem traditionsreichen Klangerzeuger. Seine Familie hingegen konnte sich gar nicht für diese Wahl erwärmen, haftete der Gaita damals der Ruf provinzieller Rückständigkeit an. Seine Schwester, Maria José, begleitete ihn gleichwohl jahrelang auf der dazugehörigen Trommel. Obwohl Hevia sich längere Zeit dem Studium der Spanischen Philologie widmete und sogar einen Hochschulabschluss fürs Lehramt machte, verlor er sein eigentliches Ziel nie aus den Augen. Nachdem er erfolgreich diverse Wettbewerbe absolviert hatte, gründete er in den Achtzigern selbst mehrere Dudelsack-Schulen, leitete eigene Ensembles wie etwa die Folkgruppe Boides und die nach seiner Heimatstadt benannte Bagpipe-Band Villaviciosa. In seinen Workshops entstand auch die Idee zur MIDI-Bagpipe, die er gemeinsam mit einem ehemaligen Schüler, dem Computerprogrammierer Alberto Arias, und dem Elektrotechniker Miguel Dopico entwickelte. Das elektronisch verstärkte Instrument besitzt nicht nur mannigfaltige klangliche Möglichkeiten, sondern erlaubt auch das Üben unter Kopfhörern. Mit all seinem Engagement verhalf Hevia dem Dudelsack nach und nach zu ungeahnter Popularität. Zu den Highlights seiner Karriere dürfte jene Tournee gehören, bei der er im Zuge seines immens erfolgreichen Debütalbums „Tierra de nadie“ mit einer 70 Musiker umfassenden Band über 100 Konzerte allein in Spanien gab. Hevia, der einzige Dudelsackspieler, der jemals für einen Latin Grammy nominiert wurde, ist mit „Obsessión“ nun auf dem besten Wege, unter noch moderneren Prämissen eine Renaissance zu erleben.
(Fredy)
3. März 2008 |

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