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Soundcheck: Nigel KENNEDY - A Very Nice Album 
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Nigel KENNEDY : A Very Nice Album cover

Nigel KENNEDY : A Very Nice Album (EMI Classics)


Von frühster Kindheit an wurde Nigel Kennedy regelrecht überschwemmt mit klassischer Musik, doch er entwickelte auch schon sehr früh eine Art Instinkt für den Jazz. Stephane Grappelli war es, der ihm das enorme Jazz-Potenzial der Violine nahebrachte, während Nigel Kennedy gerade als Jungstudent der Yehudi Menuhin School in Soray an dem letzten Schliff für sein klassisches Violinspiel arbeitete.

„Grappelli kam an die Hochschule, als ich elf oder zwölf Jahre alt war und eröffnete mir die Welt der Improvisation auf der Violine”, erinnert sich Nigel Kennedy. „Er fragte uns: ‚Möchte einer von euch spielen?’ Ich hatte meine Geige dabei und sagte ‚ja!’. Er war überglücklich, dass sich jemand drei Generationen nach ihm für die gleiche Musik interessierte.“

Kennedys neues Doppelalbum mit dem augenzwinkernden Titel „A Very Nice Album“ ist seine bislang kühnste Exkursion in die Welt des Jazz. Auf seinen Alben „Blue Note Sessions“ von 2006 und „Nigel Kennedy Plays Jazz“ von 1999 interpretierte er Kompositionen der Großmeister des Jazz – bei seiner neusten Aufnahme komponiert und improvisiert Nigel Kennedy selbst.

„Das Blue Note Album war eine Art Vorstufe”, berichtet Kennedy. „Es war eine fantastische Erfahrung, mit Musikern wie Jack DeJohnette und Ron Carter zusammenzuarbeiten. Sie haben eine bewundernswerte Lebenseinstellung und gehen mit 60 oder 70 immer noch völlig auf in der Musik.”

„A Very Nice Album“ spiegelt Nigel Kennedys intensive Suche nach neuen Ausdrucksmitteln für seine Kreativität. Kürzlich hat er zwei neue klassische Alben für EMI eingespielt, rückte unbekannte Violinkonzerte von polnischen Komponisten in das Bewusstsein der Öffentlichkeit und warf mit seiner Sicht auf Violinkonzerte von Beethoven und Mozart ein neues Licht auf das klassische Repertoire. Beide Alben entstanden in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Kammerorchester, dessen künstlerischer Leiter Kennedy ist. Auch jene Rezensenten, die über Kennedys unorthodoxe Arbeitsweise normalerweise die Stirn runzeln, schlossen sich der Lobeshymne der Kritiker an.

Nigel Kennedy lebt die meiste Zeit des Jahres mit seiner polnischen Frau Agnieszka in seiner Wahlheimat Krakau, wo sich die Beschäftigung mit dem klassischen Repertoire und die Zusammenarbeit mit polnischen Musikern in seiner Jazzband für ihn wunderbar verbinden lässt.

„Krakau ist das Herz der polnischen Jazz-Szene und hat weltweit einen hervorragenden Ruf“, betont Kennedy. „Man trifft dort Jazzmusiker, mit denen man in nächtelangen Sessions Musik machen kann, und ich lebe nur 200 Meter vom nächsten Jazz-Club entfernt. Alle Bandmitglieder sind hoch qualifizierte Musiker und lassen den Funken überspringen. Wir spielen vier oder fünf Monate im Jahr zusammen und den Rest der Zeit musizieren sie mit anderen polnischen Künstlern oder in internationaler Zusammensetzung.”

„A Very Nice Album“ bietet allen Musikern Gelegenheit sich zu profilieren, von Rhythmus-Wunder und Drummer Pawel Dobrowolski und Bassist Adam Kowaleski bis zum Tastenakrobaten Piotr Wylezol und bis zum Saxophon-Virtuosen Tomasz Grzegorski. Ein jeder von ihnen glänzt als Solist, ob Grzegorski die rasanten Rhythmen von Where All Paths Meet darbietet oder Wylezol fantasievoll und wohldosiert über die Melodie von Invaders improvisiert. Unübertroffen bleibt Bandleader Kennedy, der keine Gelegenheit auslässt, zu verblüffen und zu bezaubern.

„Einige Leute würden den einen oder anderen meiner Songs wohl nicht unbedingt unter Jazz einordnen”, meint Kennedy schmunzelnd. Er hat keinerlei Skrupel, von Blues und Bebop hinüberzuschwenken zu Balladen und Bossa nova und gelegentlich eine Spur Metal einzustreuen. Die grüblerischen Klänge von Hills Of Saturn ließen sich sogar als Prog-Rock definieren. Wer Kennedys Album „East Meets West“ mit der polnischen Klezmer-Band Kroke kennt oder seine eigenwillige Reminiszenz an Jimi Hendrix bei „The Nigel Kennedy Experience“, wird auch hier Nigels Handschrift wiedererkennen.


Der erste Track Donovan mit überraschenden Anklängen an die Balladen der Hippies nimmt als Mikrokosmos die Ingredienzien dieses erstaunlichen Albums vorweg, wenn das sanfte Anfangsthema in einen elektronischen Aufschrei sich überlagernder Violinklänge mündet. Der einprägsame Groove von Carnivore Of The Animals und das pulsierende Hudson’s Ibitha lassen aufhorchen, und bei Invaders scheint das Nigel Kennedy Quintet durch sengenden arabischen Sand zu stapfen.

„Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass ich wieder ein Album mit meinem eigenen Material gemacht habe – und es war für mich genau der richtige Zeitpunkt. Es ist ein buntes Kaleidoskop daraus geworden, eine Sammlung von Songs, die innerhalb von drei oder vier Wochen entstanden sind, die ich auf einer Hütte in der polnischen Tatra verbracht habe. Rock und Blues vereinen sich hier mit den freien melodischen Soli des Latin Style”, erläutert Kennedy.

„Wenn wir auf der Bühne stehen, wird jede Nummer etwa doppelt so lang. Das passiert von alleine, wenn jeder von uns unbegrenzt seine Soli spielen kann. Unter Jazzmusikern gehen einfach nie die Ideen aus.“

Der Song Boo Booze Bloooze lässt den vortrefflichen Klassikinterpreten ebenso in Erscheinung treten wie den feurigen Meister der elektronischen Violine: Nach einer zauberhaften akustischen Eröffnung steigert Nigel sein Spiel zur Ekstase, die an die großen Idole der E-Gitarre denken lässt.

„Ich nähere mich der elektronischen Violine in ähnlicher Weise wie ein Gitarrist mit seiner E-Gitarre umgeht”, berichtet Kennedy. „Ich liebe auch das Spiel von Jazz-Saxophonisten wie Wayne Shorter oder John Coltrane, aber der Sound der E-Gitarre von Jimmy Page, Santana oder Jeff Beck hat mich richtig gepackt. Jimi Hendrix startete einen großen Befreiungsschlag für die Gitarre und machte daraus ein völlig anderes Instrument. Ich benutze Effekte, die ursprünglich für die Gitarre erfunden wurden, aber es funktioniert wunderbar für die Violine. Dabei versuche ich nicht die Gitarre zu imitieren. Das Spiel muss von Herzen kommen, das ist die Hauptsache.”

Wenn Nigel Kennedy zurückblickt auf seine Zeit an der Juilliard School in New York, muss er an seine Lehrerin Dorothy DeLay denken. Als Stephane Grappelli ihn einlud, mit ihm zusammen in der Carnegie Hall aufzutreten, warnte sie ihn vor der Beschäftigung mit Jazzmusik und sagte: „Spiel nicht dieses Jazz-Zeug, wenn ein Boss von einer Plattenfirma im Zuschauerraum sitzt, ist es mit deiner klassischen Karriere schlagartig vorbei.”

Aber der ungestüme 16-jährige Nigel begriff schon damals, dass die Möglichkeit, mit Stephane Grappelli gemeinsam Musik zu machen, zu wertvoll war, um dieses Angebot auszuschlagen. „Diese Erfahrung, mit dem größten Jazzgeiger aller Zeiten auf einer der großen Bühnen zu stehen, möchte ich um nichts in der Welt missen. Kurzfristig sah es damals tatsächlich so aus, als ob meine Lehrerin Recht behalten sollte. Heute kann ich darüber lachen und bin ich in der glücklichen Lage, genau die Art Musik machen zu können, die ich machen möchte.” (Fredy)  21. Juni 2008
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