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Es hatte auch in diesem Jahr wieder gekracht am 1. Mai. Wie im vergangenen Jahr, im Jahr davor und 1999 auch. Vermutlich hat der Brauch, in Kreuzberg Autos anzuzünden und das Schnapslager des Supermarkts zu plündern, heute weniger mit Politik zu tun als mit termingerechter Rebellion und Pop. Wer liest noch die trotzkistischen Programme? Wer studiert die Aufrufe der Antifa? "Destroy 2000 Years Of Culture", "Revolution Action" und "Fuck All" von den Berliner Technopunks Atari Teenage Riot kennen alle, die am Kampftag den Oranienplatz bevölkern. 1999 trat die Band dort auf. Im Anschluss suchten ihre Zuhörer den Strand unter den Pflastersteinen. Alec Empire war Sänger bei Atari Teenage Riot. Er ist damals auf dem Laster auf und abgesprungen, die Parolen durch den Lärm der Gruppe brüllend.

Eigentlich, sagt er, sei er nur aufgetreten, um seine Betroffenheit über die Bundeswehr im Kosovo zu zeigen. Dass seine Musik als Aufruf zur Randale missverstanden wurde, habe er so nie gewollt. Doch darum geht es wieder dieser Tage. Ob der Pop selbst schuld ist, wenn vor allem jungen Menschen der Bezug zur Wirklichkeit abhanden kommt. Inwieweit sich Gewalt und Zorn in Songs und Clips zur Lebenshaltung eignen. Darum geht es, wenn Globalisierungsgegner aufbegehren oder Schüler Amok laufen, Neonazis aufmarschieren oder wenn am 1. Mai der eigene Kiez verwüstet wird.

Man kann das alles nicht vergleichen. Doch Gewalt und Pop sind immer mit im Spiel. Und ausgerechnet da erscheint "Intelligence And Sacrifice" von Alec Empire, sein Solodoppelalbum, und die ersten Zeilen lauten: "This is our world and it has no future/ I expect to die at any moment/ My own hand is reaching out for the blade/ Because my soul has found the answer/ All answers/ Destroy! Destroy!" Wer keine Zukunft sieht, zerstört. So klingt auch die Musik, ein übersteuertes Gebrüll, Gepumpe und Geprügel.

Amseln singen in Berlin im Mai. Es wird ein prächtiges Gewitter geben. Alec Empire nimmt Platz im Biergarten hinter dem alten West-Berliner Café Einstein. Ein sanfter, nicht ganz 30jähriger mit schwarzer Lederjacke, schwarzen Stiefeln, schwarz gefärbtem Schopf. Er sagt: "Gewalt hat es schon bei Konzerten mit den Rolling Stones gegeben. Dabei handelt Rock'n'Roll davon, dass man sein Leben selbst bestimmt, dass man sich nicht von der Gesellschaft in bestimmte Rollen zwingen lässt. Niemand sollte Angst haben vor dem Anderssein." Das liest sich pastoral für einen Technopunk. Aber wie Alec Empire das sagt, hört es sich nüchtern und gelassen an. Während die Stücke als vertonte Tobsuchtsanfälle gestaltet sind. In einem Fernsehmagazin hat Alec Empire erklärt, er lese vor Konzerten in der Bibel. Vielleicht war es auch ein Scherz.

Die Band Atari Teenage Riot fing um 1994 an zu musizieren, und ihr erster Song hieß "Start The Riot Now". Das bündige Statut des Kreuzberger Quartetts: "Riot sounds produce riots". Doch natürlich war mit "riot" nicht tatsächliche Gewalt gemeint.

Bereits im Punk stand "riot" für den simulierten Popaufstand, für Sehnsucht nach Veränderung. Atari Teenage Riot hat vorübergehend seine Arbeit eingestellt. Hanin Elias wurde Mutter. Im September nahm Carl Crack sich psychisch schwer erkrankt das Leben. Mit Nic Endos Hilfe produzierte Alec Empire nicht seine erste aber ausdrucksvollste Soloplatte nach drei leichthin hergestellten Elektronikalben. Sie besteht aus zwei CDs.

Die erste ist das Toben, das im Techno einen Punk mit anderen Mitteln sieht wie vor zehn Jahren. "I'm burning inside/ In the land of freedom", heißt es. Oder: "And I walk amongst the ruins with/ Only one thought on my mind/ We could change it every day". Die Kämpfer sind nur nachdenklich, nicht müde, und sie sind allein. Die vielen Ichs sind lyrischer Natur.

Die zweite Platte kreist instrumental introvertiert in sich. Geboren in Berlin-Frohnau, wuchs Alec Empire in die Berliner Punkwelt mit den Ärzten und dem Wahren Heino, seine Gruppe nannte sich Die Kinder.

Er fand Spaßpunk einfältig und wandte sich beherztem Detroit-Techno zu. Ein wacher, linker Bürgersohn zur Zeit des Mauerfalls. "Ich fand, dass man vieles politisch hinterfragen musste.

Die Linke steckt ja seit der Zeit in einer Krise, weil sie nie wieder klar machen konnte, was sie wirklich will. Ihre Haltung: irgendwie trotzdem Sozialismus." Damals habe Techno auch seine politische Substanz verloren.

Alec Empire vermisste diese Haltung in der allgemeinen Partylaune. Er erinnert an den Golfkrieg und an Anschläge auf die Asylbewerberheime. "Es gab auch da nicht viel zu feiern."

So verstand Atari Teenage Riot sich als Pop-Guerilla, schrie "The Kids Are United" und ließ Videos drehen, wo sie Neonazis hetzten, Viva wollte das nicht zeigen. "Vielleicht bin ich noch nicht abgestumpft genug, um zu merken, dass hier und da etwas nicht stimmt. Auch in Deutschland ist Gewalt kein Zufall."

In London hat Alec Empire seine eigene Firma DHR ins Leben gerufen: Digital Hardcore Recordings. Heute lebt er dort, besucht gelegentlich Berlin, was ihn erschüttert. "Diese gleichgemachte und globalisierte Geisterstadt", sagt er.

Auch in New York macht Alec Empire Musik. Er gilt als Star in Japan und Amerika. Mit Beck ist er gereist, Björks Lieder hat er neu gemischt, für Sonic Youth und Slayer hat er produziert. In Deutschland gilt er als Krawallbruder. "Jaja", er seufzt: "Kreuzberg, harte Musik und ,Revolution Action'." Und er lacht.

Ist denn der Musiker verantwortlich, wenn ihn die Menschen wörtlich nehmen? Alec Empire holt ganz tief Luft. Dann sagt er: "Ich muss mir bewusst sein, was ich mit meiner Musik ausdrücke.

Missverständnisse habe ich immer aufgeklärt. Selbst eine Band wie Rammstein hat begriffen, dass dies nötig ist. Weil meine Musik klingt, wie sie klingt, muss ich sie kommentieren. Denn wenn alles gleich klingt, ist das immer ein Zeichen für eine unfreie Gesellschaft. Ich stelle mir stets die Frage: Warum fühlen sich Menschen wie sie sich fühlen? Nur so verstehe ich Musik und Kunst."

Berlin im Mai. Die Amseln singen sonderbare Lieder. Alec Empire wird heute noch zurück nach London fliegen.

INTERVIEW MIT ALEC EMPIRE
Du bist gerade im Studio - was geht ab?

AE: Ich remixe eine 4-Track-EP mit Songs vom letzten Björk-Album - eine Kollaboration mit dem Brotzky-Quartett. Eigentlich wollten wir das live im Studio aufnehmen, aber das Brotzky-Quartett konnte zu meinen Beats nicht live spielen, weil ihnen das zu durcheinander war. Ich hab dann gesagt: Macht euer Ding, und ich synchronisiere die Beats im Nachhinein. Da hat mir natürlich jeder einen Vogel gezeigt, weil das technisch total der Aufwand ist, Menschen mit Beats zu synchronisieren und nicht umgekehrt.

Du kommst nicht als Atari Teenage Riot-Fronter in die Stadt, sondern wirst als DJ auflegen. Was hast Du für einen DJ-Background?

AE: Oh, der geht weit zurück bis in die 80er. Ich habe mit 18 meine ersten Platten gemacht und war halt gleichzeitig DJ. Dann bin ich 1993 mit Atari Teenage Riot nach London gegangen und habe angefangen, Drum'n'Bass mit alten Punkplatten zu mixen. Auf den alten Mixtapes hört man Sachen, die heute wie Demoversionen von Songs klingen, die wir später auf unserem Label gemacht haben. Für mich war Djing aber kein Mittel zum Zweck, um die Leute auf der Tanzfläche zu halten. Ich habe das eher als kreative Möglichkeit betrachtet, neue Sachen auszuprobieren. Und jeder, der mich mal gesehen hat, weiß, daß ich mit zwei Turntables eher Musik mache, als zwei Stücke ineinander zu faden und dann wieder fünf Minuten zu warten. Das ist eher eine Collage aus vielen Platten, die meiner Meinung nach revolutionäre Energie beinhalten. Das geht von elektroni-schen Sachen der 50er über schwarzen Freejazz oder diverse Funksa-chen bis zum Punk und HipHop. Ich kenne auch keinen DJ, der eher angefangen hat, japanische Noise- und Industrialplatten zu scratchen. Als ich später in Amerika auf die Beastie Boys, Mixmaster Mike und die Invi-sible Scratch Pickelz getroffen bin, waren die schon ziemlich beeindruckt. In New York habe ich 1995 auch das erste Mal DJ Spooky getroffen. Und so habe ich schnell meinen eigenen Stil entwickelt, während andere in Deutschland noch versucht haben, ihre Bassdrum zu synchronisieren.

Bekommt man bei Deinen Sets überhaupt mal ein Tanzbein auf den Boden?

AE: Ja, total! Eigentlich tanzen immer alle. Okay, früher bin ich schonmal aus dem Tresor rausgeflogen, weil ich gegen alle Techno-DJ-Regeln verstoßen habe und die Leute immer fragten: Wie soll man denn dazu tanzen? Aber ich sage: Man kann zu allem tanzen.

Keith Richards hat mal gesagt: "Art to me always was the shortform of Arthur." Auch Deine Meinung? Oder ist DJing Kunst?

AE (lacht): Ja, weil ich die Turntables eher als Sampler sehe. Es kommt schon darauf an, in welcher Geschwindigkeit und wie genau man das macht. Wie sehr man halt Musik macht oder nur Platten aneinanderreiht. Djing ist eigentlich eine Vorstufe zum Musikmachen, man greift immer auf vorhandenes Tonmaterial zurück, das man verfremden kann, so viel man will. Aber natürlich gibt's auch Hierarchien. Einer nimmt einen 70er-Jahre-Loop über einen Beat und meint, er mache Musik. Und dann gibt's andere Leute wie, äh, mich zum Beispiel, die nur kleine Elemente von einer Platte nehmen. Letztlich sind Musiker aber wichtiger als DJ's. Obwohl, wenn ich Oasis sehe, die sich hinstellen und Beatles-Songs covern, dann kenne ich bestimmt eine Handvoll DJ's, die kreativer sind. Ansonsten habe ich schon auf einer Deutschland-Tour 1997 mit DJ Spooky gemerkt, daß ein Großteil der Zuschauer hehres Kunstpublikum ist, das wurde mir dann zu steril. Die stehen da und betrachten und bewerten alles von außen, wie Studenten das eben so tun. Aber ich finde, man kann gar kein Urteil fällen, wenn man das körperlich-emotional gar nicht spüren kann.

Danke für das Gespräch.
 
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