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And.Ypsilon – „Y-Files“ 
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Nach fast 5 Millionen verkaufter Platten, Top-Ten-Hits, Ruhm, Reichtum und all den Dingen, die Popstars so widerfahren, verlässt Andreas Rieke alias And. Ypsilon, Cheftechniker und Rückgrat der Fantastischen Vier, erstmals die heimische Viererkette und veröffentlicht mit "Y-Files" - seine erste Soloplatte.

Manchmal erscheint And.Ypsilon dabei wie ein Regisseur. Er steht hinter dem Vorhang, hält alle Fäden in der Hand, bestimmt die Handlung und bewegt wohlbedacht und zielsicher die Figuren. Doch nie wird er hinter dem Vorhang hervortreten und rufen: "Seht her, das habe ich gemacht". Denn wer Großes vollbringt, muss nicht zwangsläufig große Worte hinterherschicken. Auch bei seiner ersten Soloplatte - den "Y-Files" - perfektioniert der Stuttgarter die subtile Inszenierung.

Wo bei den Fantastischen Vier der virtuose Umgang mit Samples seine Arbeit begründet, geht And.Ypsilon bei den "Y-Files" komplett neue Wege. Seine erste Soloplatte basiert ausschließlich auf kompositorischen Ideen, die er in Zusammenarbeit mit dem kongenialen Ralf Goldkind (u.a. Lucilectric, Reflektorfalke/Lektionen in Demut), Knut Knutson und der Berliner Sängerin KIKO erarbeitet hat. "Die 'Y-Files' sind Lieder, die aus einer gemeinsamen Stimmung, einem gemeinsamen Lebensabschnitt und aus - sagen wir mal - gemeinsamer 'Rock'n'Roll Experience' entstanden sind", erklärt And.Ypsilon. "Diese Lieder mussten dringend raus aus mir. Sonst hätte ich meinen Kopf nicht für Neues freibekommen," erläutert er den Entstehungsprozess dieser Platte.

Mit den "Y-Files" betreibt der Ruhepol der Fantastischen Vier eine ungewohnt tiefblickende Seelenschau in private Abgründe und auf die dunklen Seiten seines Lebens. Zynisch, rational, manchmal hinterhältig böse und manchmal verletzlich wie Tagebucheinträge. "Ich habe diese tiefe, melancholische Seite.

Bei den Fantastischen Vier ist das beispielsweise der Aspekt, dass wir trotz unseres Humors nie lächerlich sind. Guter Humor fußt auf realem Erleben der Welt", erklärt der Stuttgarter. Dennoch ist And.Ypsilon meilenweit davon entfernt, sich exhibitionistisch zum Seelenstriptease ins Rampenlicht zu tänzeln.

And.Ypsilon drückt sich nicht wie seine Fanta Vier-Kollegen Thomas D, Smudo und Michi Beck durch Worte aus, sondern wählt die Musik und schier unendlich weite Klangteppiche zur Kommunikation. "Diese Platte richtet die Scheinwerfer auf das, was ich ohnehin schon immer von mir zeige: Musik," erläutert Andy. Und die sagt selbst bei den Instrumentalsongs dieses Albums mehr als viele Worte.

Noch deutlicher als bei den Fantastischen Vier wird hier seine Liebe zum Electro der frühen 80er-Jahre deutlich: "Damals waren HipHop und Electro das Gleiche. Africa Bambaatas 'Planet Rock' basierte ganz klar auf Kraftwerk. Aber den Funk und das Sexappeal hatten Kraftwerk nicht in dieser Form," erzählt der Stuttgarter.

Und fast unbemerkt werden bei den "Y-Files" Maschinen lebendig und die Technik bekommt ein pulsierendes Herz, menschliche Gefühle und - weil's dazugehört - ein Hinterteil zum Wackeln. Denn das ist die eigentliche Herausforderung an elektronischer Musik: Sie muss menschlich werden, stattfinden und performen. Raus aus der Box - rein in den Raum. Und diesen Übergang in die analoge Welt vollziehen die "Y-Files" im Handumdrehen. Denn And.Ypsilon weiß nur zu gut, dass die Gesetze der echten Welt nicht auf Technik, sondern auf Herzensentscheidungen basieren.

In fast perverser Detailliebe spielt der Soundfetischist mit Klängen, Stimmungen, menschlicher Wahrnehmung und manipuliert sie mit einem kleinen Lächeln.

Mal entstehen dabei Elektropop-Nummern ("Return Of The Lovers"), mal hüftschwingende Tanzflächendarlings ("Test Tube Baby") und manchmal treibt er den Wahnsinn mit fiesen Gefühlsmonstern ("Thunder") auf die Spitze. "Manche Elemente brauchen Perfektion, andere leben von der Inspiration des Moments," versucht der Stuttgarter zu erklären.

So stehen waghalsige Klangfahrten problemlos neben süßlichen Pophommagen und ekstatischen Rhythm-Tracks, die alle eines gemein haben: Leben. Und genau dort entwickeln sich die "Y-Files" zu einer visionären Achterbahnfahrt, bei der dennoch niemand so recht zu sagen vermag, wo sie enden wird - in Glückseligkeit, auf der Tanzfläche oder im kollektiven Rausch.

Denn die "Y-Files" können alles sein: Schatz, Freund, Tanzpartner, vertonter Alptraum oder eine innere Reinigung. Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters.

 

Interview mit And.Ypsilon

Die Fantastischen Vier: Jeder kennt sie, jeder hört sie und jeder weiß, was die Jungs außerhalb der Viererkette noch so machen.

Da ist Thomas D., ob nun solo oder mit seinen anderen Standbein „Son Goku“, da ist Michi Beck mit seinen „Turntablerockers“, Smudo, der Hobby-Rennfahrer und das Mitglied mit der wohl häufigsten Medien-Präsenz.

Aber was macht eigentlich „Der Mann im Hintergrund“, wie er auch immer so schön in Berichten genannt wird, was macht eigentlich And.Ypsilon?

Erstmalig veröffentlicht Andreas Rieke (so sein bürgerlicher Name) ein Solo-Album mit dem Titel „Y-Files“. Der Elektrolurch unterhielt sich mit ihm über das Album, über Produzent sein und Produzieren und über Trennungsgerüchte.

Elektrolurch: Bei Interviews stehen eigentlich immer die anderen drei (speziell Smudo und Thomas D.) im Vordergrund. Ist es für dich eine Besonderheit, alleine Rede und Antwort zu stehen?

And.Ypsilon: Es ist schon besonders, wenn es nur um mich geht, aber ich hab auch so schon genug Einzel-Interviews gegeben, wenn es um die Fanta 4 geht, so dass die Situation als solche mich jetzt nicht überfordert.

Elektrolurch: „Der Mann im Hintergrund“ wirst du auch immer genannt. Ist es von dir so gewollt, hat sich das so im Laufe der Jahre entwickelt oder ist es doch mehr ein Fluch?

And.Ypsilon: Meine Rolle bei den Fantastischen Vier hat sich aus der Praxis und aus den vier verschiedenen Temperamenten der Bandmitglieder ergeben und ich bin damit überhaupt nicht unzufrieden. Für das was ich bei Fanta 4 mache, ist das genau die richtige Position, um den Zusammenhalt zu gewähren bei dem ganzen verrückten Haufen. Ich bin natürlich genauso „bescheuert“, ich hab dabei den Vorteil der hintergründige Rolle.

Elektrolurch: Die anderen Fantas sind irgendwie schon solo unterwegs gewesen, sieht man mal von Smudo ab. Oder ist er schon irgendwie solo tätig geworden?

And.Ypsilon: Ne, ich glaube da war nichts Nennenswertes und schon gar nicht solo. Er tauchte mal mit Thomas D. zusammen bei Bootsy Collins auf. Es gab da noch ein paar kleine Appearences (z.B. bei FISCHMOB: „Susanne zur Freiheit“ – Anmerkung des Autors), solo würde ich das aber nicht nennen.

Elektrolurch: Und welche Projekte hast du in der letzten Zeit bearbeitet?

And.Ypsilon: Ich kann um Beschäftigung nicht klagen in der vergangenen Zeit. Thomas D. hat zwei Solo-Alben gemacht, das zweite mit mir, daher war es für mich auch ein halbes Solo-Album. „Reflektor Falke – Lektionen in Demut“ habe ich produziert. Danach habe ich an meinem Solo-Album gestrickt, das sind jetzt zwei Jahre. Ok, ist eine stattliche Zeit, aber so etwas braucht auch Reife. Es kam ja auch noch nie vor, dass ich ein Solo-Album mache. Ist eine neue Herausforderung, da geht es um andere Dinge.

Elektrolurch: Deshalb auch die lange Wartezeit? Die VÖ wurde ja immer wieder verschoben. Jetzt erst kürzlich noch von Oktober auf November. Warum? (Noch nicht ganz zufrieden mit der Arbeit?)

And.Ypsilon: Richtig, es bleibt aber jetzt bei November, 3. November um genau zu sein. Ich habe das Album abgegeben, es ist komplett fertig. Ich werde dafür keinen Finger mehr krumm machen.

Elektrolurch: Und jetzt? Promotion- oder richtige Live-Tour mit dem Album?

And.Ypsilon: Live-Umsetzung war mal angedacht, wird jetzt erst mal nicht gehen, weil die nächste Fanta-Produktion ansteht und das nimmt mich schon voll in Anspruch. Ich kann da nicht nebenher noch ein anderes Live-Projekt oder so machen. Allgemein betrachtet ist die „Y-Files“ Musik nicht so einsilbig, dass sie in einigen Jahren nicht mehr gut wäre, um live damit aufzutreten. Das muss jetzt warten, aber vielleicht kommt es ja doch noch. Ich hätte schon Lust, auf der Bühne zu prüfen, was Bestand davon hat. Nicht zu letzt deshalb sind wir mit „Reflektor Falke“ live auf Tour gegangen. Da wollte ich schon einmal wissen, was bei dem ganzen abstrusen Studio-Kram auf der Bühne übrig bleibt. Das ist schon der Moment der Wahrheit.

Elektrolurch: Wo wir gerade dabei sind, was verstehst du unter den „Y-Files“?

And-Ypsilon: „Y-Files“ ist in erster Linie mein Solo-Projekt, meine Spielwiese. Ich hab’ es aber nicht alleine gemacht, wie man bei einem Solo-Projekt vermuten könnte. Weil ich Produzent bin und eine meiner Fähigkeiten ist das Produzieren von Leuten, sprich Leute auf einen Nenner einzuschwören, den gemeinsamen Kontext herzustellen, das Beste aus jedem herauszuholen und das erfolgreich zu kombinieren.

Ich habe mit Ralf Goldkind, meinem langjährigen Co-Produzenten zusammengearbeitet. Wir zusammen haben „Reflektor Falke“ gemacht, wir zusammen haben „Liebesbrief“ gemacht, wir zusammen haben die „4:99“ LP der Fanta 4 gemacht, wir zusammen haben das letzte Lucilectric Album gemacht, das es je gab. Er ist sehr wichtig in diesem Team und auch einiges an Komposition stammt von ihm. Also nicht für alles zeichne ich mich alleinig verantwortlich. Aber letzten Endes schon, wenn es mir nicht gefallen würde, dann würde ich es ja wegproduzieren, sprich abwählen.

Elektrolurch: Aber es sind noch zwei weitere Leute an dem Album beteiligt.

And.Ypsilon: Es gibt noch weitere Mitwirkende, Knut Knutson, der als ständiger Studio-Musiker das Seine beigetragen hat, hier spielt er Bass und Gitarre und auch so kleine Schmankerls wie die Auto-Harf. Dann noch eine Sängerin, KIKO aus Berlin. Eine Sängerin, die bislang nicht in Erscheinung getreten ist, bisher keine Veröffentlichung gehabt hat. Völlig unverständlich meiner Meinung nach. Sie ist 33 Jahre alt, erfahrene Sängerin, kommt aus dem Jazz, hat eine richtige Ausbildung. Mich besticht die völlig lockere Art, wie sie ihre Parts da bringt, so derartig unnervig. Gerade bei Sängerinnen ist schnell die Gefahr gegeben, dass die anfangen zu nerven.

Elektrolurch: Sie singt aber nicht auf allen Songs.

And.Ypsilon: Nein, sie singt nicht auf allen Songs, das ist nur eine gewisse Kategorie von Songs, wo sie hineinpasst. Die männliche Stimme bei den anderen Songs ist Ralf Goldkind, mein Co-Produzent. Das bin nicht ich. Es ist völlig unglaublich, dass ich nicht solistisch mit meiner Stimme in Aktion trete, aber das tue ich bei den Fantis auch nicht. Ich hab ein bisschen mit mir gerungen, ob ich es doch noch wagen soll, aber das braucht wohl noch seine Zeit. Ich bin da auch anspruchsvoll, mir ist es wichtig, dass die Platte gut ist, nicht so sehr, dass ich darauf singe.

Elektrolurch: Also wieder „Der Mann im Hintergrund“.

And.Ypsilon: Ja, Singen ist immer so ein egomäßiges Ding, das muss man auch schon wollen. Wenn man es nicht will, dann soll man es besser sein lassen, sonst kommt dabei auch nichts raus. Mir war einfach wichtig, dass wir gute Songs zusammen kriegen, wer die singt, ist mir erst mal egal. Nur gut muss es sein.

Elektrolurch: Mich haben die „Y-Files“ sehr stark an Kraftwerk, aber auch an 80er Synthie-Pop und an Electronic Body Music (EBM) erinnert. Sind das so die Einflüsse?

And.Ypsilon: Ich selber habe in den 80er angefangen, Musik zu machen, das sind absolut meine Wurzeln, die da vertreten sind, gerade was Beats angeht, eher Electro als HipHop. HipHop gab es noch gar nicht in der Form, es war immer Electro-Beats mit Rap. Und Kraftwerk höre ich seit ich acht Jahre alt bin. Klar sind diese Präferenzen auch eindeutig zu hören, das macht mir aber gar nichts aus, ich denke dennoch, dass es andersartig genug ist, um interessant zu sein.

Elektrolurch: Bei „Sexinvention“ ist der Kraftwerk Einfluss unüberhörbar.

And.Ypsilon: „Sexinvention“ ist ein klassischer Electro-Beat, klassischer geht es eigentlich gar nicht. Daher nichts Neues. Auf der kompositorischen Ebene ist es bei Electro meistens sowieso nicht neu. Es ist doch so, dass man zu einer neuen Darstellung bei dem ewig gleichen Electro-Thema kommt. Jedenfalls wenn man das klassische Club-Ding haben will. Mir hat es gefallen, dass es Detroit-mäßig ist, also keine rein deutsche Anmutung hat wie Kraftwerk, sondern ein bisschen weiter gefasst ist vom Electro-Begriff.

Elektrolurch: Zurück zu den Fantastischen Vier. Nach der letzten Platte „4:99“ ist eine relativ lange Zeit vergangen. Seht ihr das mehr als kreative Schaffenspause oder geht es auch darum, mal Abstand voneinander zu bekommen?

And.Ypsilon: Das musste mal sein, nachdem wir die letzten zehn Jahre intensivst zusammen gearbeitet haben. Es ist auch sehr einseitig, wenn man zehn Jahre in so einem Highspeed-Rausch verbringt, dann geht auch ein Teil vom normalen Leben logischerweise auch an einem vorbei. Es ist zwar schön, aber es hat auch seinen Preis, man macht in der Zeit so gewisse Normal-Erfahrungen nicht, die muss man nachholen, dazu braucht man ein normales Leben, so ohne Popstartum.

Elektrolurch: Gab es denn dann auch mal Überlegungen, die Fantastischen Vier aufzulösen?

And.Ypsilon: Das war eine Zeitlang unklar, keiner wusste, wann es weitergeht, ob es weitergeht. Aber es war auch auf der anderen Seite keiner da, der gesagt hat, „nein es geht nicht weiter, ich steig aus“. Wir haben die Sache einfach auf sich beruhen lassen und es hat sich auch wieder ganz natürlich zusammengefunden. Es ist auch ein schönes Gefühl, dass das passiert ist, aber es hat keiner erzwungen und das fühlt sich für mich nach einer gesunden Sache an. Ich kann euch nur warnen, das Popstar-Leben hat auch seine Tücken.

Elektrolurch: Es steht also ein neues Fanta 4 Album an?

And.Ypsilon: Richtig, wir werden jetzt direkt durchstarten mit der Produktion. Irgendwann im nächsten Jahr, ich bin da vorsichtig mit der Prognose, vielleicht im Frühjahr, vielleicht aber auch im Sommer oder Anfang Herbst....

Elektrolurch: Ihr werdet es also locker angehen?

And.Ypsilon: Es ist dann fertig, wenn es fertig ist. Klar kann man sich Mühe geben, schnell zu sein, man muss sich aber auch Mühe geben, ein gutes Album zu machen.

Elektrolurch: Von der gerade beendeten „MTV Unplugged“ Tour soll es ein Live-Album geben. Stimmt das?

And.Ypsilon: Wir haben mal ein bisschen mitgeschnitten, aber ich weiß nicht, was damit passieren wird. Ich lasse es auf der Gerüchteebene.

Das Interview führte Smilo
 
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