| Im
Sommer '94 lernte Darius Keeler in London den jungen
Rapper Rosco kennen. Obwohl Keeler nicht wirklich an
den britischen HipHop glaubte, ließ er sich von
Roscos Begeisterung anstecken und die beiden beschlossen
zusammen zu arbeiten. Die ersten Demos waren sehr simpel
gestrickt: Ein einziger Drumsound, ein Fender Rhodes-
Klaviersound, eine Basseinstellung und dazu Rosco, der
von dem, was er tat, völlig überzeugt war.
Dritter im Bunde wurde Danny Griffiths, der gerade
von einem Jahr in Australien zurückgekehrt war.
Keeler und Griffiths hatten schon früher viel zusammen
gearbeitet, unter anderem bei Genaside 2 und bei einem
gemeinsamen Plattenlabel.
Griffiths
war von dem Material, das Darius mit Rosco eingespielt
hatte angetan: "Ich mochte Roscos Raps von Anfang
an. Es war einfach toll zu hören, wie jemand seinen
ganz eigenen Stil darbrachte und nicht einfach versuchte
Amerikanisch zu klingen. Ich war sofort dabei, als sich
mir die Chance bot mit in das Projekt einzusteigen,
also arbeiteten wir zu dritt an neuem Material."
Die Basis bildeten analoge Sounds, die von Danny Griffiths
mit Hilfe von Platten und Samples weiterentwickelt wurden.
"Auch wenn wir gut vorankamen, ich war auf Dauer
nicht damit zufrieden, nur mit einem Rapper zu arbeiten",
sagt Darius Keeler rückblickend. "Ich wollte
eine Sängerin - und dann stießen wir auf
Roya Arab."
"Ich
kannte Roya noch gar nicht, als sie zum ersten Mal zu
uns ins Studio kam", erinnert sich Danny Griffiths.
"Darius hatte ihre einige unserer Songs mitgegeben
und sie hatte die Texte dazu geschrieben. Sie war eine
echte Persönlichkeit: einzigartig, selbstbewusst
und sehr, sehr bekifft. Sie sang den Song, der später
zu "Dark Room" werden sollte und es war umwerfend:
Ihre Stimme war wundervoll und ihr Text passte einfach
perfekt. Wir beschlossen, weiterhin zusammen zu arbeiten
und waren dann mitten in der Suche nach einem Plattendeal."
Verschiedene Plattenfirmen und Musikverlage zeigten
Interesse und euphorisch unterschrieben Archive Platten-
und Verlagsdeal bei Island Records. Aber noch während
der Entstehung des ersten Albums "Londinium"
ging alles langsam aber sicher den Bach runter.
Die
Bandmitglieder kamen aus den verschiedensten Gründen
nicht mehr miteinander klar und kurz vor der Fertigstellung
des Albums, war man soweit, dass sich Rosco und Roya
nicht einmal mehr zur selben Zeit im Studio aufhalten
konnten.
"Die Beiden konnten zu der Zeit einfach nicht
mehr miteinander arbeiteten", erzählt Danny
Griffiths, "ich konnte das echt nicht mehr mit
ansehen, und ich glaube auch nicht, dass sie mich noch
abkonnten. Darius und ich verbrachten sechs Wochen damit
das Album fertig zu mischen. Ich weiß, dass Roya
mit dem Ergebnis nie glücklich war. Keine Ahnung,
wie es Rosco ging, aber ich war mehr als zufrieden."
Innerhalb
der Band regierte der Hass und keiner wusste, wohin
sie eigentlich mit ihrer Musik wollten. Zusätzlich
stellte sich auch die Zusammenarbeit mit der Plattenfirma
nicht als so fruchtbar dar, wie die Band erwartet hatte.
So kam es zum Split.
Die Arbeit am zweiten Album "Take My Head"
begann 1997. Darius Keeler und Danny Griffiths bildeten
nun den Kern von Archive. Viele Monate lang hatten sie
verschiedene Sänger ausprobiert und sich schließlich
für Suzanne Wooder entschieden. Man kannte sich
und hatte auch schon miteinander gearbeitet. Zusätzlich
wurde noch ein Drummer verpflichtet.
"Dieses Album musste anders werden, als das erste",
sagt Danny. " Die Demoaufnahmen waren toll, einige
Tracks gefielen mir zwar nicht hundertprozentig, aber
damit konnte ich leben."
Doch
wieder ging es abwärts: Independiente, Archives
neues Label, bestand darauf den Produzenten auszuwählen.
"Es war grausam", erinnert sich Danny, "die
Produzenten, die uns aufgezwungen wurden, säuberten
das Album von allen Ecken und Kanten, entfernten jedes
Leben - und verdienten auch noch ein Vermögen daran.
Ich war außer mir, ich musste zusehen, wie alles
kaputt gemacht wurde, aber niemand außer mir wollte
das erkennen, niemand hörte auf mich. Das ganze
hatte nur ein Gutes: Wir haben aus diesem Fehler gelernt."
"Es
ist natürlich ein schönes Gefühl, wenn
jemand außerhalb der Band einen deiner Songs als
"Hit" erkennt", ergänzt Darius.
"Und ein noch besseres, wenn dir der Chef einer
Plattenfirma 22% der Tantiemen verspricht, weil du ja
diesen "Hit" mitbringst. Das Problem: Sie
veröffentlichen deinen "Hit" nicht so
wie er ist. Nein, sie investieren noch mal 1 Million
Euro, um ihn noch mehr zum "Hit" zu machen.
Das Problem: Danach klingt der "Hit" wie ein
seelenloser Haufen Scheisse. Das wiederum erkennt das
Label dann recht schnell und kündigt deinen Vertrag.
Sie haben eine Million Euro einfach so zum Fenster rausgeschmissen."
Auch
diese Lektion verkrafteten Darius und Danny und nahmen
einen dritten Anlauf.
Per Kleinanzeige im New Musical Express suchten die
beiden einen Sänger und wurden fündig. Craig
Walker meldete sich auf die Annonce, telefonierte mit
Darius und ließ sich von dessen Begeisterung für
seine Band und seine Musik anstecken. Zuvor war Craig
Sänger in verschiedenen Bands und hatte mit diesen
bereits einige Platten veröffentlicht.
"Darius
kam vorbei und spielte mir ein paar Archive-Sachen vor",
erinnert sich Craig an die erste Begegnung. "Songs,
an die ich glauben konnte und die mich wieder mit dem
Geist des Rock'n'Roll infizierte. Ich wollte den Job
als Sänger, oh ja. Würde ich ihn kriegen?
Ich bekam ihn, verdammt noch mal. Unser Ziel ist jetzt
klar: Erst machen wir das beste Album der Welt für,
na sagen wir mal, die nächsten zehn Jahre - und
dann erobern wir die Welt. Archive rocken! Verstanden?
ARCHIVE ROCKEN!!!"
Das
dritte Album mit dem Titel "You Look All The Same
To Me" erschien 2002 , wurde von den Kritikern
gelobt und fand seine Käufer, aber es wurde nicht
der erhoffte “grosse Wurf“. Dennoch waren
die drei Musiker mit dem Ergebnis mehr als zufrieden
und das war Grund genug, nicht aufzugeben. Der Sound
der Briten war immer noch von Trip Hop Beats geprägt,
trug aber auch deutlich rockigere Züge und entzog
sich gekonnt den gängigen Genre-Schubladen. Die
musikalischen Einflüsse reichten von Massive Attack
bis Pink Floyd und mit Craig Walker war der perfekte
Vokalist für diese Musik gefunden.
Schon
bald nach der Veröffentlichung von “You Look
All The Same To Me“ entstanden mit “Sleep“,
“Get Out“, “Love Song“ und “Noise“
erste Demos für ein neues Album, dessen Entstehung
letztendlich anderthalb Jahre dauern sollte.
2003
bekam die Band, für sie selber etwas überraschend,
die Möglichkeit den Soundtrack für den Luc
Besson-Film “Michel Vaillant“ einzuspielen.
“You Look All The Same To Me“ war mit 80.000
verkauften Einheiten in Frankreich relativ erfolgreich
und es stellte sich heraus, dass die Töchter des
Regisseurs grosse Archive-Fans waren, so dass sich Besson
selbst der Musik nicht entziehen konnte.
Einmal
gehört, fand er Gefallen an der Musik von Archive
und beauftragte sie mit der Arbeit an der Musik zu “Michel
Vaillant“. Archive zogen sich im Frühjahr
für einige Zeit auf Bessons’s Anwesen in
der Normandie zurück und heraus kam ein Soundtrack,
der den typischen Archive-Sound gekonnt mit klassisch
anmutender Filmmusik kombinierte und einen musikalischen
Vorgeschmack auf den regulären Nachfolger zu “You
Look All The Same To Me“ bot.
Dieser
war bereits zur Hälfte fertiggestellt, als der
“Michel Vaillant“-Soundtrack im Herbst 2003
veröffentlicht wurde. Den Dezember des Jahres verbrachten
Archive zum grössten Teil in Paris, wo sie mit
Jérôme Devoise, ihrem französischen
Mixing Engineer. letzte Hand anlegten, um dem neuen
Longplayer “Noise“ den Feinschliff zu verpassen.
Die
Streicher wurden in Zusammenarbeit mit Graham Preskett
(u.a. Fimmusik für “Rainman“ u. “Thelma
& Louise“) arrangiert und von einem 21-köpfigem
Orchester eingespielt. Insgesamt wurde also kein Aufwand
gescheut, um den Archive-Sound weiter voranzubringen.
Das
neue Album “Noise“ (Release Frühjahr
2004) kombiniert auf einzigartige Weise Trip Hop-Beats
mit Rock- und symphonischen Sounds.
Wie auf dem Vorgänger wird nicht gekleckert sondern
geklotzt und wenn Archive so selbstbewusst weitermachen
wie bislang, wird ihr Vorsatz , eines der besten Alben
der nächsten zehn Jahre aufzunehmen, wohl noch
in die Tat umgesetzt werden.
Diskografie (Alben)
Londinium (1997)
Take My Head (2000)
You Look All The Same To Me (2002)
Michel Vaillant (O.S.T.) (2003)
Noise (2004)
[Volker] |