| HAVANNA - Es ist inzwischen
schon einen Tag her, und ich kann noch immer nicht
fassen, was für einen
wirklich grandiosen musikalischen bzw. kulturell-lebensbejahenden
Event ich miterleben durfte.
Zunächst geht das hier an Green Day, an Bruce Springsteen,
Bright Eyes, Pearl Jam, Dave Matthews, System of a Down
- an jede US-amerikanische Band, die jemals davon geträumt
hat, in Kuba aufzutreten, die Idee aufgrund der vermeintlichen
Schwierigkeiten aber nie realisiert hat - überdenkt
das noch einmal!
Eine nordamerikanische Band hat Havanna
am Freitagabend in Grund und Boden gespielt. Dabei
handelte es sich um eine Begegnung, die wahrscheinlich
weder Audioslave,
noch die Tausenden jungen Kubaner, die auf dem La Tribuna
Anti-Imperialista-Platz gedrängt waren und sich
sogar auf die küstennahe Autobahn "Malecon" ausbreiten
mussten, allzu schnell vergessen werden.
Eine kleine Anmerkung zum Veranstaltungsort: Ein überraschend
moderner - zumindest für die teilweise recht heruntergekommenen
kubanischen Verhältnisse - Open-Air-Platz, der mit
einer Stahlbogenkonstruktion umgeben ist, die einen Tunnel-Effekt
hervorruft. Am Ende des Tunnels liegt eine Bühne,
auf der z.B. politische oder musikalische Großveranstaltungen
abgehalten werden können. So wurde La Tribuna schon
vor ein paar Jahren berühmt, als der Platz für
eine Zusammenkunft nach der Rückkehr von Elian Gonzales
genutzt wurde - jenem Jungen, der als politischer Spielball
im jahrzehntelangen Machtspiel zwischen Kuba und ihren
nördlich gelegenen Nachbarn fungierte.
Der Platz
liegt verdammt noch mal genau vor der einzigen amerikanischen
Vertretung in Kuba, vor der abgeriegelten "US-Interests-Section" (Guantanamo
Bay ist technisch gesehen kein Teil von Kuba), und die
Plakate, die von Kubanern vor dem Gebäude errichtet
wurden, definieren den Ausdruck "Ins Gesicht sagen" (bzw. "schlagen")
neu. "Señores Imperialistas, no los tenemos
absolutamente ningún miedo!" (Mr. Imperialists,
wir haben kein bisschen Angst vor euch!") Dazu Bilder
aus Abu Ghraib, schlichtweg mit "Faschisten" betitelt.
Und genau hinter der Bühne ein bezeichnendes "Venceremos!" ("Wir
werden siegen!")
Ein Ort also, an dem eine US-amerikanische Rockband
eher wenig willkommen ist? Keinesfalls. Denn es ging
hier
um keinen Sieg. Es hatte nichts mit alten Streitigkeiten
zu tun, von Paranoia, Rivalitäten, Embargos oder
Isolation war nie die Rede.
Hier ging es vielmehr um
Verständigung, um Austausch und dieses eine Element,
das man überall versteht - es ging um korrektes
Rocken! Dass diese Crowd auf Rocken eingestellt war,
stellte sich schon bei unserer Ankunft heraus, als nämlich
der von hier stammende Künstler X Alfonso (der übrigens
später am Abend auch bei der Audioslave-Performance
mit eingestiegen ist) die Menschen ordentlich aufgeheizt
hatte, so dass ein einziger Schrei aus der Masse von
Fünfzig- bis Sechzigtausend Kubanern hervorkam: "Ow-Dyo-Slave,
Ow-Dyo-Slave!" Ab
dem Moment, in dem die Jungs die ersten Töne
von "Set It Off" anschlugen, überschlugen
sich die Geschehnisse der Nacht. Und das ging zwei Stunden
und zwanzig Minuten so weiter - ohne auch nur einen Gedanken
zurück, wurde also zur wohl längsten Show,
die Audioslave je gespielt haben.
Irgendwo zwischen Salsa-Moves,
moshenden Pits im vorderen Teil, Flaggen aus aller
Welt und einem Plakat, auf dem "Te Queremos Chris Cornell" ("Chris
Cornell, wir lieben dich!") stand, entstand an diesem
Abend eine noch nie gesehene Party, ein Gefühl,
das man schon immer gesucht hatte, leider aber nie die
neunzig Meilen geflogen war, um es auch in die Tat umzusetzen.
Wie Morello sagte, ist das Rock'n'Roll-Embargo nun
also beendet. Hier ging es einzig um Rock, um Liebe,
von Hass
war nichts zu spüren. (Nun gut, eine umgedrehte
Amerika-Flagge gab es schon zu sehen, und das wahrscheinlich
auch nicht ganz unabsichtlich, aber einer muss ja immer
gegen den Strom schwimmen...) Welche Songs die Kubaner bereits kannten? Das waren
definitiv die Tracks vom ersten Album, besonders "Cochise" und "Like
a Stone", der schon früh gespielt wurde und
alle zum Mitgrölen inspirierte, was übrigens
auch bei Chris Cornells Akustikversion von "Black
Hole Sun" passierte.
Wie nicht anders zu erwarten,
hätte man mit den Reaktionen auf die Instrumentalversion
von Rage Against The Machines "Bulls On Parade" die
ganze Insel mit Strom versorgen können, und bei
Cornells Version von "Killing In The Name" gingen
die Kubaner buchstäblich durch die (nicht vorhandene)
Decke. Für einen kurzen Moment musste ich da natürlich
an einen politisch aufgebrachten jungen Dreadlock-Mann
namens Zack de la Rocha denken und mir vorstellen, wie
er wohl in dieser unfassbaren Situation reagiert hätte.
Nun, vielleicht schafft er es ja demnächst auch
mal hierher. Als die neueren Audioslave-Songs "Out
Of Exile" und "Your Time Has Come" dann
plötzlich noch einmal rein textlich verdeutlichten,
was hier gerade passierte, waren wir uns wohl alle einig,
dass für diese Insel zumindest kulturell ein neues
Zeitalter angebrochen ist.
Brad Wilk beschrieb seine Kuba-Impressionen am ersten
Tag als "tragisch-schön", doch schon am
nächsten Tag erklärte er mir, dass die wahre
Schönheit Kubas darin läge, dass die Menschen
hier das Leben und die Musik absolut kompromisslos lieben
und davon auch nicht durch widrige Lebensumstände
abgebracht werden können. Egal, ob es die Leute
in der Musikschule waren, die wir am Freitag besuchten,
oder Straßenmusiker, der "MTV-Typ", oder
Leute, die nachts am Rande des Malecon jammen - in Kuba
findest du an jeder Ecke Musik.
Zu guter Letzt noch zwei Dinge zu jenem Typen, den
alle als Tom Morello kennen. Er gab den besten Satz
der Woche
von sich, als ich ihm erzählte, dass ein kubanisches
Kid mir erzählt hatte, dass Audioslaves Besuch in
Havanna für ihn das wichtigste Ereignis seit der
Entdeckung Christopher Columbus' sei: "Hoffentlich
verbreiten wir nicht ganz so viel Milzbrand und Tripper!" Keine
Sorge, Tom. Du verbreitest immerhin die richtige Art
von Gefühl...
Und das sogar bei Tieren! Er ist nicht nur schnell,
kann seine Gitarre wie ein außerirdisches Phänomen
klingen lassen oder hat den Mumm, auch mal nach Kuba
zu fliegen, nein, Tom liebt auch Hunde. Anders noch:
Tom liebt Hunde so richtig.
Der Hund, der bei uns am
Hotel abhing, war supersweet, brauchte aber dringend
was im Magen, war dazu verletzt und brauchte somit
auch noch einen Arzt und einen Schlafplatz. Morello
sah das
- eigentlich war es so, dass er sogar noch während
unserer Abreise, auf dem Flughafen sich darum kümmerte,
dass der Hund, den wir inzwischen "Audio" getauft
hatten, auch sicher bei seinem neuen Besitzer war.
Morello for President!
Was für eine Woche. Viva Audioslave! Viva Kuba!
Und wer es nicht glaubt, auf www.audioslave.de gibt
es zu diesem Event einen exklusiven 22 minütigen
Videostream der Liveperformance, Interviews und Reportagen über
diese einmalige Ereignis. |