| Fassungslos
sitzen wir vor dem Monitor und verfolgen mit
offenen Mündern die Zerstörung Manhattens.
Ein militärisch geplanter Vernichtungsschlag
auf zivile Ziele, der sich jedem historischen Vergleich
entzieht.
Eine "Kriegserklärung an die gesamte zivilisierte
Welt" nennt der deutsche Bundeskanzler den
Angriff. Und in jener zivilisierten Welt wird dies genauso
empfunden - in Deutschland zumal, dem engsten Verbündeten
der USA auf dem europäischen Kontinent.
Angst vor dem großen, dem globalen Krieg
mit einer völlig neuen Schlachtordnung kriecht
in die Herzen und Hirne - Furcht davor, dass maßlose
Gewalt mit ebenso maßloser Gegengewalt beantwortet
werden könnte.
Diese
Terrorattacke hat mit einem Schlag alle Gewissheit der
"Neuen Weltordnung" zerstört,
die der Vater des amtierenden US-Präsidenten Gerog
W. Bush nach dem Ende des kalten Krieges zu erkennen
glaubte.
Die USA, der Weltpolizist und Wertewächter,
entdeckt plötzlich zweierlei: dass es irgendwo,
von irgendwem unermesslich gehasst wird. Und das es
auf ungeheurliche Weise verwundbar ist.
Dabei hatte es durchaus Vorahnungen gegeben. Samuel
Huntigton, Harvard Politologe, sprach vom "Zusammenprall
der Kulturen", warnte seine Heimat, sie sei
"die einsame Supermacht" - "ein isoliertes
Land, außer Tritt mit dem Rest der Welt"
und von zwei Drittel der Weltbevölkerung als Bedrohung
empfunden.
Seine Sünden sind "Macht, Größenwahn,
Gier", schrieb Huntington damals - ein Bild
das mit der Selbstwahrnehmung der meisten seiner Landsleute
nicht im geringsten übereinstimmte.
Hip-Hop
und Coca Cola, Baywatch und Microsoft:
waren es nicht die Segnungen der amerikansichen Zivilisation,
die von Nowosibirsk bis Daressalam alle lieben, alle
brauchen, alle haben wollen? Ja - und eben deshalb symbolisieren
sie den Dämon der Globalisierung, der in
die fernsten Ritzen drängt und Identiät zerstört.
Ihn zu töten heißt den Drachen zu töten.
OSAMA BIN LADEN, der schwerreich "Pate"
des islamistischen Terrors, bläst seit Jahren von
Afghanistan aus zum Angriff gegen den "großen
Satan" USA: Auf sein Konto gehen verheerende Anschläge
in Saudi-Arabien, im Jemen, in Kenia, in Tansania.
Schon im August 1998 rächte sich Washington mit
Luftschlägenauf den Sudan und Afgahnistan.
"Dies sei der Krieg der Zukunft" schwante
es US-Außenministerin Madeleine Albright damals.
"Der
Krieg hat begonnen" konterte Bin Laden; und
aus Kairo drohte die Terrortruppe Al-Gama'a al-Islamiyya:
"1 Millarde Muslime stehen bereit, um ihre Körper
in Bomben zu verwandeln".
Es offenbart sich, wie verwundbar die Supermacht ist:
Während die 400 Meter hohen Türme des World-Trade-Center
in sich zusammensacken, bricht nebenan Chaos an der
Wall Street aus. Die internationalen Finanzmärkte
stürzen in Turbulenzen, Öl- und Goldpreise
schießen nach oben.
Mit eiskalter Präzision haben die Terroristen
ins Herz der gültigen Weltordnung gezielt - und
einen Volltreffer gelandet. Das Imperium americanum
wankt. Es wird gewiß hart zurückschlagen
gegen die Angreifer.
Aber
jene schweigende Mehrheit der Weltbevölkerung,
die in Amerika die häßliche Fratze der Globalisierung
sieht, wird es dabei nicht auf seiner Seite haben. "Die
Schurken-Supermacht" (Huntington) muss erkennen,
wie gefährlich ihr selbstgewisser Unilateralismus
wird.
Im ersten halben Jahr seiner Amtszeit hat Präsident
Georg W. Bush die Russen brüskiert und die
Chinesen verärgert, er hat Kopfschütteln bei
den Europäern und blankes Entsetzen bei den südkoreanischen
Verbündeten ausgelöst.
Tatenlos hat seine Regierung zugeschaut, wie sich Israelis
und Palestinänser blutig ineinader verbissen.
Jetzt hat er einen Krieg im eigenen Land. Einen Krieg
von so gewaltiger Symbolkraft, dass sich über die
Folgen nur spekulieren läßt. Der Traum der
Hightech-Nation von Sicherheit und Unverwundbarkeit
ist zerstoben. Nichts ist mehr so, wie es vor diesem
schwarzen Dienstag war.
Die Opfer der Globalisierung schlagen zurück:
Die Silhouette des brennenden World Trade Center wird
das erste Wahrzeichen sein für die kommenden Konflikte
des 21. Jahrhunderts. Die "zivilierte Welt"
wird dann nicht mehr wiederzuerkennen sein.
Auszüge DIE WOCHE 14.09.2001- Mehr zu diesem
Thema findet ihr hier
im Newz-Flash
Mehr zu diesem Thema findet ihr in unserem Leitartikel
zum 11.09.2001 "The Sky is
falling and i want my mommy" und in dem Kommentar
"Die Propaganda immer schön
auslöffeln" von Fritzie Kleingeld sowie
in den Glossen "Ich bin ein
Afgahne" , "Die Welt
kommt über uns".
Wenn ihr zu diesem Thema reden wollt so sei euch unser
Diskussionsboard
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