| Am
11. September ist die Welt über die USA gekommen.
Vorbei die machtbewehrte Idylle. Der Horror von Algier,
Lagos oder Kalkutta, von Kigali, Luanda, Gaza oder Bogotá
fand in Manhatten statt - in kleinem Maßstab.
Das Massaker von New York ist eine präzise Zustandsbeschreibung
des Planeten. In weiten Landstrichen leiden Menschen massenhaft
und sterben lange vor der Zeit, Opfer eines pervers asymetrischen
globalen Systems.
Am 11. September hat eine monströse Dosis Wirklichkeit
die Zitadelle des Wohlstandes attackiert. Das erschüttert
den Westen mehr als die 6000 gemeuchelten Menschen.
Die USA dachten die Welt zu lenken - und ignorierten
sie.
Nach
dem Fall der Berliner Mauer riefen wir den Sieg des Kapitalismus
aus. Dann das Ende der Moderne, das Ende der Ideologien,
der großen Erzählungen. Die Politik dankte
ab und es machte sich ein trügerischer Glauben breit,
in die Welt zögen Frieden und Demokratie ein: das
amerikanische Modell.
Doch, wer die Geschichte kennt weiß, die Eroberung
geht weiter, im Jahr 509 nach Kolumbus und Granada.
Manager und Politiker handelten klaren Blickes als sie
begannen die Staaten zu entmachten und die Welt zum
Nutzen der Märkte umzubauen: Hier nützliche
Produktionszonen (Südostasien), da Rohstofflieferanten
(der nahe Osten), dort Pufferstaaten (Marokko) und,
hochbrisant, viele neue weiße Flecken auf der
Landkarte (weite Teile Afrikas). Afghanistan war nach
dem Abzug der Russen auch ein weißer Fleck. Dann
wurde in Zentralasien neues Erdöl entdeckt...
Keine
Tagung der Weltbank, kein Gipfeltreffen, kein Davoser
Management-Forum verging ohne rituelle Warnung vor dem
globalen Bürgerkrieg, der mörderisch und blind
ausfallen werde, unsere (westlichen) Werte zerstörend.
Der grße Knall, die zügellose Gewalt marginalisierter
Massen, war die liebste Obession der Weltenlenker.
"Nehmen wir die Herrausforderung der Armut nicht
an, werden sich die Spannungen in Gewalt und Terrorismus
entladen".
Dass der undenkbare, aber vorgedachte Fall nun eingetreten
ist, und dies, schöne Fügung, hinter der Fratze
eines islamistischen Radikalen wie Osama Bin Laden, erleichtert
die Herren der Welt auf gewisse Weise. Der Massenmord
klärt die Lage. Zwar fordert Weltbankchef James Wolfensohn
noch immer "mehr soziale Gerechtigkeit" ein.
Aber die muß warten.
Das Problem ist nicht eine Ordnung, die 3 Millarden
Menchen in Armut, Demütigung, Folter, Hunger hält
und Monster wie Bin Laden gebärt - das Problem
sagt Bush, ist der Terrorismus. McWorld gegen McDjihad!
Im letzten, amerikanischen Jahrzehnt von Frieden und
Prosperität wüteten in einer unter der Globalisierung
zerfallenden Welt über 200 Konflikte, bei denen
mehr als 20 Millionen Menschen zu Tode kamen.
Es muß ein Ende damit haben, Völker für
ihre Führer zu bestrafen.
Zwei Maße - bis ins Grab
Je feierlicher, ja patriotischer die Toten in den USA
beklagt wurden, desto mehr kam nicht nur im Orient der
Verdacht auf, die kollektive Betroffenheit diene nur
als Vorwand für ein neues Unrecht, neue Massaker.
Oder denn zumindest dazu, die fällige Debatte über
die Ordnung der Welt einmal mehr abzusagen.
Wann hat man je die 150 000 Toten des algerischen Bürgerkriegs
mit Schweigen geehrt? was ist mit der Million massakrierter
Ruander? Mit den irakischen Kindern, die wegen des Embargos
sterben? Wie viele sudanesische Kinder braucht es, um
einen amrikanischen Bankier aufzuwiegen? Lassen wir das.
So viel Arroganz.
Unter der Oberfläche der globalen Einmütigkeit
über den Terror in N.Y. gärt es. Der inflationäre
Gebrauch der Opfer weckt auch Widerstand. In Los Angeles,
Buenos Aires, Paris, Lyon, London, Nigeria, feierten
Jugendliche den Anschlag mit Autokorsos. Manche waren
Islamisten, manche hatten mit Religion nichts im Sinn.
Im Iran stellten Muslime Kerzen für die Opfer auf,
während nebenan Linke den Schlag gegen die USA
feierten. In den Vorstädten von London, Paris,
Mailand müssen Politiker nun die Lage ruhigreden.
Mehr zu diesem Thema findet ihr in unserem Leitartikel
zum 11.09.2001 "The Sky
is falling and i want my mommy" und in dem
Kommentar "Die Propaganda immer
schön auslöffeln" von Fritzie Kleingeld
sowie in den Glossen "Ich
bin ein Afgahne" , "Die
Welt kommt über uns".
Wenn ihr zu diesem Thema reden wollt so sei euch unser
Diskussionsboard
empfohlen. |