|
Brauchen wir Experten die uns erklären, wie wir
uns jetzt anzuziehen haben- "keine farbenfrohe
Muster, keine Miniröcke" - was wir nicht mehr
essen und trinken dürfen oder, der Phantasie sind
keine Grenzen gesetzt, welche Filme wir uns nicht mehr
anschauen dürfen, weil wir uns andernfalls als
gefühlose Sympathisanten des weltweiten Terrors
outen? Kann es Trauervorschriften geben?
Es muss, antwortet die Wirklichkeit. Die nämlich
hat uns bereits überholt:
Der amerikanische CLEAR CHANNEL übermittelte eine
Liste mit 150 Songs "fragwürdigen Inhalts",
die nicht mehr gespielt werden sollen.
Neben "Highway to Hell" (AC/DC) und "It's
The End Of The World As We Know It" (REM) finden
sich Songs wie "Leavin' On A Jet Plane", "Ticket
To Ride", "Imagine", "It's A Wonderful
World", "War (What It's Good For?) oder "Walk
Like An Egyptian", oder "Sabotage" von
den Beastie Boys. Auf Leonard Cohens "First We
Take Manhatten" wurde verzichtet, dafür wird
der Titel in Deutschland nicht mehr gespielt, vermutlich
wegen der zweiten Zeile, "then we take Berlin".
Es fehlt nur noch Herbi Grönemeyers "Flugzeuge
im Bauch" - sowie der Hinweis im Zusammenhang mit
Musik den Begriff "Hit" zu vermeiden. (mehr
dazu hier)
Möglicherweise
aber schätzen die Urheber solch politisch überkorrekter
Airplay-Listen den desoltane Zustand unserer Welt und
ihrer Bewohner realistischer ein als jene, die eine Anleitung
zum Traurigsein für unentbehrlich halten. In einem
Land, in dem nach einem Terroranschlag auf Sikhs geschossen
wird, weil die halt irgendwie arabisch aussehen, sollte
keine Bangles-Sängerin im Radio darüber trällern,
dass Araber anders gehen als der US-Amerikaner.
Man kann den Umgang mit dem Kummer unter diesen Umständen
nicht dem Einzelnen überlassen. Anarchie und Chaos
wären die Folge. Traurigkeit wird zur Chefsache
erklärt, Anders- oder gar Nichttrauernde werden
bekehrt oder verdammt. Die Freiheit, für die die
sogenannte freie Welt kämpft, hat hier ihre Grenze,
also auch die Trauer, die individuellste aller Meinungsäußerungen.
Selten
war es so leicht mißverstanden zu werden. Es genügt
schon, wenn man seinen Verstand einschaltett oder sich
zu der banalen Aussage hinreißen lässt, es
gebe neben Schwarz und Weiß nicht nur grau sondern
auch mehr als 256 Farben.
Die "zivilisierte Welt" hat Tränen in
den Augen, wenn über den Bildern aus den USA die
zerbrechliche Stimme der irischen Sängerin ENYA
("Only Time") schweben hören. Weinende
Feuerwehrleute, Staubwolken, flatternde Fahnen, alles
perfekt montiert; hier eine Slowmotion, da eine Nahaufnahme,
zum Heulen. Enyas Album stürmt die Charts. Wer
die Monatge geschmacklos, peride, roh nennt, der schert
aus der Gemeinde der Anständigen aus, der ist kein
"Amerikaner". Und wer heute kein Amerikaner
ist, der ist in den Augen derere, die nur noch Gut und
Böse sehen wollen, automatisch Afghane.
Die Medienindustrie, die es nicht besser weiß, wird
auch weiterhin Bilder des Grauens und der Hoffnung zusammenschneiden
und sie mit geeigneten Klängen unterlegen - wer einen
Hammer hat, der sieht überall nur Nägel.
Nur:
Wenn in Hollywood-Filmen (Pearl Habour, Gladiator, etc.)
Filmtode mit pathetischer Musik untermalt werden, dann
ist das ein zuläsiges Mittel zum einzigen Zweck,
den Zuschauer emotional zu fesseln. Das jedoch diese
Kunstgriffe auf Bilder von realem Schrecken angewendet
werden können, ohne das ein Sturm der Entrüstung
losbricht, wirft die Frage auf, ob wir vor lauter Kitsch
in unseren Köpfen und Herzen den Verstand verloren
haben und bar jeden echten Gefühls durchs Leben
taumeln.
Die zivilisierte Welt kann nicht einmal mehr richtig trauern.
Jemand muß uns sagen wie man das macht. Und wir
sind unendlich dankbar, wenn man uns Hilfestellungen gibt,
die uns vertraut sind, die uns signalisieren:
Enya-Zeitlupen-Klassik: JETZT
WEINEN!
Mehr zu diesem Thema findet ihr in unserem Leitartikel
zum 11.09.2001 "The Sky
is falling and i want my mommy" und in dem
Kommentar "Die Propaganda immer
schön auslöffeln" von Fritzie Kleingeld
sowie in den Glossen "Ich
bin ein Afgahne" , "Die
Welt kommt über uns".
Wenn ihr zu diesem Thema reden wollt so sei euch unser
Diskussionsboard
empfohlen |