Interview
DURAN DURAN
25
Jahre nach der Gründung und erstmals seit ihrem
1983er-Klassiker "Seven And The Ragged Tiger",
das Duran Duran mit "The Reflex" den ersten
Top Ten Hit hierzulande beschert hatte, veröffentlicht
die legendäre britische Popband ein Album in original
Line-Up: Jetzt erscheint mit "Astronaut" ein
brandneues Studioalbum, das in der Besetzung Simon LeBon
(Gesang), Andy Taylor (Gitarre), John Taylor (Bass),
Roger Taylor (Drums) und Nick Rhodes (Keyboards) entstand.
Zur Reunion, zum neuen Album und zum Comeback nahmen
Roger, John und Andy ausführlich Stellung:
1.) Wie kam es zur Wiedervereinigung von Duran
Duran?
Roger: Ich glaube, es waren John, Nick und Simon, die
sich in L.A. trafen. Die Verträge von Nick und
Simon mit Warner liefen gerade aus und beide suchten
etwas Neues. Ich glaube, ihr habt mich angerufen.
John: Ja, beide kamen zu mir und wir riefen dich an.
Aber sind wir doch mal ehrlich, im Grunde war das doch
alles eine Frage der Planetenkonstellation. Also wirklich,
das ganze Gerede von anderen Bands und den 80ern mal
außen vor, im Grunde war dies der einzige Zeitpunkt,
an dem wir alle fünf das Gefühl hatten, es
sei der richtige Zeitpunkt, es noch mal zu versuchen.
Es hätte zu keiner anderen Zeit passieren können.
2.) Welche Rolle spielte das 25-jährige
Bandbestehen für die Wiedervereinigung?
Roger:
Tatsächlich spielte es keine Rolle. Wir hatten
einfach alle den richtigen Platz in unseren Leben gefunden,
an dem wir bereit waren, es zu versuchen. Eben jener
Moment, an dem man nichts zu verlieren hat und bereit
ist, es zu wagen, um zu sehen, was passiert. Wir mieteten
uns ein Haus in Südfrankreich für zwei Wochen,
brachten unsere Instrumente hin sowie einen Aufnahmetechniker
und ließen uns überraschen. Von den alten
Sachen haben wir gar nichts gespielt, nur neues Material.
Eine Menge davon hat es geschafft, aufs neue Album zu
kommen.
John: Wirklich ernsthaft haben wir uns erst um die
alten Songs gekümmert, als ein Konzert in die Nähe
rückte. Es ging in erster Linie darum, einander
musikalisch wieder zu entdecken. Im Sinne von, hey,
so spiel’ ich heute, Oh, so machst du das jetzt.
Ist das so ok? Mit der Zeit passten sich unsere Stile
wieder einander an, so wie früher.
3.)
Wieso wart ihr euch sicher, dass die Chemie zwischen
Euch noch stimmt?
Roger: Wir hatten so viele Stunden zusammen gespielt,
bei Konzerten und im Studio. Das wird immer da sein.
Es ging nur darum, es wieder zu entdecken. Wir hatten
uns unsere Sporen gemeinsam verdient. Da spielt keiner
ohne den anderen.
4.) Hätte es nach der langen Trennung
nicht auch scheitern können?
Andy: Es gab gar keine andere Möglichkeit. Egal,
was Nick, Simon oder ich in der Zwischenzeit gemacht
hatten - bei jedem von uns war es etwas anderes - diese
anderen Dinge hatten keine Zukunft! Wir mussten den
alten Kreis wieder schließen.
Das brauchte seine Zeit. Ich glaube, wir sahen ein,
dass wir es alleine nicht schaffen würden. Solange
wir aber Songs schreiben und uns musikalisch verständigen
konnten - diese ganzen einfachen Dinge eben –
gab es auch einen neuen Anfang für uns.
Dann würde es auch wieder die Band geben. Tatsächlich
hatten wir drei bereits vor dem Fünfer-Treffen
schon eine Woche lang gemeinsam im Studio gespielt,
um heraus zu finden, ob überhaupt eine Basis da
ist. Wir waren nicht so vermessen zu glauben, dass das
alles problemlos und instinktiv läuft. Ich glaube
nicht, dass wir einfach blind drauf los gezogen wären.
5.) Welche Rolle spielten eure Live-Konzerte
der letzten Jahre als Test, ob die alte Chemie der Band
noch stimmt?
Andy: Eine Band wächst mit jedem Konzert. Man
wird wieder eine Einheit. Du siehst das Publikum, spürst
die Temperatur. Live zu spielen gibt dir ein Gefühl
dafür, wie gut du wirklich als Band bist. Danach
kam der Vertrag mit Sony und das Album wurde aufgenommen.
Die gesamte Energie, die wir während der Konzerte
aufgebaut hatten, findet sich auf dem Album. Es fühlt
sich echt und legitim an, das hier ist kein Marketingtrick
mit einem großen Namen. Wieder zusammen zu kommen,
dauerte einen Tag, wieder zusammen zu finden dauerte
Jahre. Aber jetzt sind wir als Band wieder zusammen.
6.) Wie war die Resonanz auf eure Comeback
Tour?
Roger:
Es war unglaublich und etwas ganz Besonderes. Es scheint
etwas mit den Leuten zu geschehen, wenn sie uns fünf
gemeinsam auf der Bühne erleben. Wir hatten keine
Ahnung, was passieren würde. Unsere erste Show
spielten wir im „Budokan“ in Tokio. Da passen
8000 Menschen rein. Wir waren sprachlos.
John: Ich glaube es war in Osaka. Ich erinnere mich,
wie wir drei vom Hotel abfuhren. Ich konnte nicht glauben,
dass das alles wirklich passiert. So viele Menschen,
die überwältigt waren von der Idee, dass wir
wieder zusammen spielen. Dabei war wohl niemand überwältigter
als wir selbst.
Roger: Die erste Show war innerhalb von zwei Stunden
ausverkauft. Es war geschockt und sprachlos. Von da
ab lief alles wie von selbst. Alles war im Nu ausverkauft.
Wir spielten fünf Abende im Wembley Stadion. Es
war unglaublich.
Andy: Als Musiker ist man nicht nur Komponist sondern
auch Entertainer und somit jemand, der diese Aufmerksamkeit
liebt. Jeder, der etwas anderes behauptet, lügt.
Je mehr Konzerte wir spielten und je besser die Resonanz
war, desto stärker wurde unser Selbstvertrauen.
Dann ist man kreativer und nutzt seine Möglichkeiten
besser. Das kommt auch bei Industrie besser an, wenn
sie sieht, wie positiv die Leute auf uns reagieren.
Wobei wir nicht mit diesen Ausmaßen gerechnet
hatten. Als wir in Las Vegas zwei Abende im House Of
Blues spielten und 5000 Tickets dafür angeboten
wurden, brach das Ticket-System innerhalb von sechs
Minuten zusammen. Das ging schneller als bei den Rolling
Stones. Solche Dinge passierten uns.
Da
denkst du dir, verdammt, das habe ich lange nicht gehabt,
genauso wollte ich das haben, das ist wirklich aufregend.
Dann wischst du alles andere weg. Fünf Jungs und
ihre Instrumente, Licht und Sound, mehr brauchst du
nicht. Das hat uns wieder zusammen gebracht und sowohl
das Publikum als auch das Label davon überzeugt,
sich unser neues Material anzuhören. Nach der Tour
haben wir einen Haufen Songs geschrieben. So entstand
alles.
7.) Wie würdet ihr das Verhältnis
zwischen euch beschreiben?
Andy: Absolut einzigartig. Zerbrechlich, beängstigend.
Roger: Es ist sehr, sehr einzigartig. Wir sind völlig
verschieden. Jeder von uns ist ein anderer Typ. Es ist
ein Wunder, dass wir überhaupt zusammen arbeiten
können. Aber irgendwie scheint gerade diese Spannung
etwas Besonderes hervor zu bringen.
8.) Könnt ihr das Verhältnis zwischen
euch etwas genauer beschreiben?
John: Wir sind vor allem sehr auf uns selbst bezogen.
Das müssen wir auch sein, denn bevor ich an den
Markt oder das Publikum denke, muss ich wissen, ob die
Musik für jeden von uns passt. Jede neue Idee für
einen Song muss auch Andy oder Nick gefallen. Bis dieses
Album fertig war, wurde es von uns einer unvorstellbaren
Musterung unterzogen. Ich denke, dadurch …
Andy: Es glättet die Wellen.
John:
Genau. Außerdem haben wir lange daran gearbeitet.
Wir kamen im Sommer 2002 zusammen. Haben wir jetzt 2005
oder 2004? Ok, dann war es 2001. Wäre alles nach
Plan verlaufen, hätte damals an Weihnachten bereits
ein Album erscheinen können. Aber die Mächte
verschworen sich und zwangen uns, sich noch einmal hinzusetzen
und weitere Songs zu schreiben, bessere Songs. Und zu
touren, was uns zu besseren Musikern machte. Als wir
schließlich den Vertrag bekamen und zurückkehrten,
um ein Album aufzunehmen, taten wir dies mit all unserer
Kraft. Wir hatten ein paar Jahre Zeit gehabt, um darüber
nach zu denken, was wir von dem Material fürs Album
nehmen, um die Band am besten zu repräsentieren.
Als wir dann auf Tour gingen, hatten wir genug Kraft
für eine monatelange Tour. Es war also die Beste
aller Welten.
9.) Wie würdet ihr die Quintessenz von
25 Jahren Duran Duran beschreiben?
John: Unsere Überzeugtheit war stets unsere Stärke.
Diese Einzigartigkeit zeichnet alle fünf von uns
aus. Trends interessieren uns nicht. Wir denken nicht
darüber nach, was im Radio oder bei MTV gerade
angesagt ist. Es geht darum, gemeinsam Songs zu schreiben.
Wir haben uns immer am Groove orientiert. Roger und
ich, wir waren nie eine einfache Rhythmus-Band. Wir
haben immer versucht, eine Aussage zu machen. Jeder
Musiker in dieser Band hat dieses Ziel. Das zeichnet
uns aus. Wenn du ein Video drehst, gibt es bestimmt
viele Dinge, die man machen kann. Entscheidend aber
ist, dass wir uns wohl fühlen. Erst dann spricht
es auch andere an. Wenn wir fünf uns wirklich gemeinsam
auf eine Sache konzentrieren, wird daraus ein kraftvolles
und anziehendes Ganzes.
10.) Wie kamt ihr zu Sony Music?
Andy: Wenn du zum zweiten Mal an den Start gehst, kennen
dich natürlich alle. Nicht dass man nicht gespannt
wäre, immerhin ist bekannt, dass sich unsere Platten
verkaufen. Aber besonders motivierend ist das nicht.
Man möchte ein Label, das wirklich mit einem arbeiten
will. Und Sony war das erste Label, nachdem wir uns
bei einigen umgehört hatten, das genau diese Begeisterung
zeigte. Wir hätten das alles auch schon ein paar
Jahre früher mit einem anderen Manager und einem
anderen Label machen können. Aber irgendwie bewahrte
uns das Schicksal davor, zu früh einzusteigen.
Schließlich will man doch ein Label, das einem
die nötige Anerkennung gibt. Und wenn man sich
schon die Kirschen heraus suchen darf, dann gibt es
für einen internationalen Künstler kein besseres
Label als Sony. Wir sind sehr zufrieden mit der Agentur,
dem Management, dem Label. Unsere Auftritte waren ein
unglaublicher Erfolg. Das Verhältnis mit unserem
Manager ist gut, das hatten wir noch nie, das ist absolut
einzigartig. Wir haben das beste Label der Welt.
11.)
Was erwartet uns auf eurem neuen Album?
Roger: Uns war wichtig, dass der Sound von jedem Bandmitglied
erkennbar ist. Die ganze Wiedervereinigung der Band
wäre Unsinn gewesen, wenn wir mit programmierten
Sounds gearbeitet hätten, wie das heute so oft
der Fall ist. Also gingen wir unseren eigenen Weg und
achteten darauf, dass alles sehr gut aufgenommen wurde
und klare Standpunkte bezogen wurden. Also gibt es hier
sowohl groovige Sachen als auch Balladen. Das Album
bewahrt den original Duran Duran Sound, aber mit aktueller
Produktion.
12.) Gab es Inspirationen oder Vorbilder?
Andy: Wir würden uns nie bei einem Album oder
Video an anderen Dingen orientieren, außer an
uns selbst. Genau das macht uns aus. Es ist überwältigend
und geht nur darum, fünf Leute zusammen spielen
zu sehen und die Band zu hören. Das ist alles,
was wir wollen.
13.) Was könnt ihr zu den Texten des Albums
sagen?
John: Simon hat sich als Textschreiber weiterentwickelt.
Songs wie „Ordinary World“ und „Come
Undone“ waren wichtige Songs, sie verfügten
über etwas Menschliches. Er war schon immer ein
spannender Texter, der schräge, aber spannende
Texte schreibt. Hinzu kam dann Bewusstsein, das sich
in diesem Album widerspiegelt. Ebenso etwas Frivoles
oder jene Partystimmung, die einfach aus ihm raus musste.
Denn sie macht die Band aus.
14.) Was genau macht euch als Band aus?
John: Es ist ein Zusammenspiel von Talenten. Darum
geht es in dieser Band. Die verschiedenen Talente von
fünf Jungs. Jeder von uns ist fähig, selbst
ein Album zu machen, wir wissen, wie man Songs schreibt.
Aber wir kommen zusammen und jeder gibt sein Bestes.
Das ist Duran Duran, wir stehen für Spaß
und lebendige Musik, die aber auch etwas Düsteres
hat und etwas Erwachsenes, da wir reifer geworden sind.
Ich habe im Laufe der Zeit mit vielen anderen Musikern
gearbeitet habe. Ein Grund, warum ich zurückgekehrt
bin, ist, dass Musiker wie Roger oder Andy in ihrer
Disziplin für mich immer der der Richtwert geblieben
sind, an dem ich jeden anderen Schlagzeuger oder Gitarristen
messe. Ebenso Nick als Keyboardplayer, niemand spielt
so aufregend wie er. Da kommst du irgendwann an den
Punkt, an dem du dich fragst, warum holen wir nicht
einfach dieses Maß aller Dinge zurück. Es
ist die Musik, die uns zusammenbringt. Und was das Persönliche
betrifft, daran kann man arbeiten. Ist doch klar, dass
wenn du fünf Mittvierziger in solche eine besondere
Situation bringst, …
Andy:
… und die ganze Welt schaut zu …
John: … dass dann eine Menge Shit passiert. Weil
wir Jungs nun mal so sind. Wenn wir fünf Frauen
wären …
Andy: Aber wir menstruieren nicht. Obwohl einige behaupten,
wir wären in der Hinsicht noch viel extremer …
John: … während Frauen das ja oft gleichzeitig
haben … aber wir haben das innerhalb von zwei
Wochen.
15.) Was kann man aus euren Texten über
euch erfahren?
Andy: John hat ja schon einiges erzählt zu Simon
und den Texten. Ich denke, in ihnen steckt mehr, als
etwa bei Songs wie dem halbherzigen „Union Of
The Snake“. Aus zwei Gründen: zum einen weil
wir als Vierzigjährige über einen ganz anderen
Erfahrungsschatz verfügen. Zum anderen, weil sich
die Welt entscheidend verändert hat. Das hat auch
unsere Arbeit, die Songs und ihre Texte beeinflusst.
Wir fingen an im Sommer (2001), noch vor dem 11. September,
unten im Süden Frankreichs. Da war die Welt noch
reich, der Aktienmarkt florierte, aber dann: Bin-wer?
Heute können wir nicht mehr arbeiten, ohne Visa,
Fingerabdrücke oder ähnliches. Natürlich
hat das Einfluss auf unsere Songs. Simon hat diese Themen
aufgegriffen, aber ohne daraus belehrende oder klagende
Songs zu machen. Es geht um den Blick auf das Morgen.
Glauben zu haben oder sich mit Drogen voll pumpen und
sich gegenseitig umzulegen. Indem er diese Punkte anspricht,
folgt er eben nicht dem Weg von Morrissey, von wegen
Thatcher ist eine Schlampe und Reagan ein was-weiß-ich.
Er beschreibt es eher als etwas, das uns allen passieren
kann, das aber nur schlimmer wird, wenn man es nicht
besser macht. Es gibt nur eine Lösung: Hoffnung
und Optimismus.
16.) Was meint ihr, wie eure Fans auf die neuen Duran
Duran reagieren?
Andy: Unsere Fans sind älter geworden. Das dürfte
also kein Problem sein.
Roger: Ich hoffe, sie sind mit uns gereift. Die Kids,
die uns damals hörten, sind heute in der Regel
Mitte dreißig. Also haben wir es mit einem reiferen
Publikum zu tun, das unseren Ideen gegenüber aufgeschlossen
sein dürfte. Andererseits wäre es schon schön,
auch die jungen Kids zu erreichen. Deshalb war die Entscheidung
richtig, mit Dallas Austin einen aktuellen schwarzen
Produzenten zu wählen, eben um auch die Kids zu
erreichen.
17.) Wie bewertet ihr die Arbeit der am neuen Album
beteiligten Produzenten (Dallas Austin, Don Gilmore)?
Andy: Was macht ein Produzent? Er wählt Songs
aus, trainiert die Band für sie, arrangiert sie,
und falls Leute aus der Band selbst nicht spielen können,
findet er Ersatz. Wir machen das alles selbst. Wir kommen
mit einem fertigen Stück zum Produzenten und fragen
ihn nach seiner Meinung, etwa ob das Schlagzeug ausreichend
ist. Einen Einfluss wie ihn etwa Don Gilmore auf die
Musik von Linkin Park hat, gibt es bei uns nicht. Es
ist eher eine Art Koproduktion. Der Produzent steuert
das letzte etwas bei, das wir selbst nicht geben können,
etwa die Entscheidung über das Tempo eines Songs.
Davon profitieren wir. Aber niemand verbiegt uns in
Richtung seines Stils. Wir wollen etwas vom Produzenten,
nicht er von uns. Don ist ein großartiger Mann,
wenn es um Aufnahmen geht. Er ist sehr geduldig und
kann viele Informationen verarbeiten und koordinieren.
Während Dallas ein Gefühlsmensch ist.
18.) Wie war die Arbeit mit Dallas Austin?
Roger: Wenn Dallas ins Studio kommt, wird ein Nachtclub
daraus. Die Musik ist richtig laut. Auf den Bildschirmen
laufen Filme und er sitzt an seinem Keyboard. Der totale
Gegensatz zu Don. Don arbeitet sehr methodisch und exakt.
Es ist spannend, diese beiden gegensätzlichen Top-Produzenten
im Studio zu haben.
19.) Warum habt ihr Dallas Austin und Don Gilmore
als Produzenten gewählt?
Roger: Nun, wir hielten Don für den richtigen
Mann, um die Instrumente perfekt aufzunehmen und einen
organischen Sound für das Album zu schaffen. Er
arbeitet sehr präzise. Während Dallas eher
der wilde Typ ist …
John: Außerdem sind beide gerade mit Alben in
den Charts vertreten. Im Gegensatz zu uns. Auch war
klar, dass wir uns nicht grundlegend ändern würden,
wie heißt es doch: die Katze lässt das Mausen
nicht. Es ging nur darum, den Ton des Fotos ein wenig
zu ändern und sicher zu stellen, dass die Songs
gut rüberkommen. Wir haben so oft mit Produzenten
gearbeitet, die meinten: Lasst es so, so ist es perfekt.
Denn wir sind uns da oft nicht sicher. Da braucht man
jemanden, der entscheidet: Das bleibt so, das ist jetzt
fertig. Wir würden sonst einfach weiter machen
und säßen wahrscheinlich immer noch am ersten
Album.
20.) Die erste Single “Sunrise”
klingt mit Zeilen wie „Now The Time Is Come/ The
Music Between Us/ The Night Is Young…“ fast
wie eine Reverenz an die Reunion von Duran Duran. War
das die Idee dahinter?
Andy: Ich denke schon. Simon hat hier versucht, die
Worte in den Kontext einer späten Clubszenerie
zu stellen, wo er jemandem etwas in Kurzform erzählt.
Daher die vielen Phrasen. Aber was wirklich dahinter
steckt, wird man sehen. Er liefert nämlich nie
eine Erklärung zu seinen Texten, die muss sich
jeder selbst erarbeiten. Für den Song „Astronauts“
etwa gibt es drei Interpretationsansätze: einen
für Kinder, einen fürs Radio und einen für
Erwachsene.
21.) Wovon handelt der Song “The Finest
Hour”?
Andy: Da geht es um Lauschangriffe und all das. Die
Bestimmungen des verdammten „Patriot Act“
gefährden unsere Freiheit, wenn Telefone abgehört,
E-Mails gelesen und Lauschangriffe durchgeführt
werden. Ein brillanter Text, der davon handelt, diese
Dinge rückgängig zu machen, da schon zu viel
untergraben worden ist.
22.) Simon schreibt als einziger die Texte?
Andy: Ja, aber der Trick ist, dass er keinerlei Musik
dazu hat, bevor wir sie beisteuern. Ohne uns ist er
ein reiner Poet. Und das bliebe er auch, denn die Musik
kommt immer zuerst. Wir legen los, und irgendwann fällt
ihm was dazu ein …
Roger: Simon ist kein Sting, der ein Instrument spielt
und dazu ein Band arrangiert.
Andy: Also ist der Antrieb ein anderer. Wir setzen
eine Stimmung, zu der er dann mit einem Text kommt,
der zu dieser Stimmung passt. Er kann sich glücklich
schätzen, dass er uns hat. Und umgekehrt, natürlich.
23.) Ihr motiviert Simon zum Schreiben von Texten?
John: Wir nennen uns „Charlie & The Fluffers“.
Du weißt, was ein Fluffer ist? Die benutzen man
in Pornos, um den Typ während der Takes bei der
Stange zu halten. Genau so ist es bei uns. Wir „fluffern“
Simon pausenlos: Komm schon, Baby! Wie gefällt
dir dieser Groove? Oder diese Akkorde? Ist das gut so?
Oh, ja, mir fällt etwas dazu ein. Perfekt! So bleibt
es.
24.) Ihr wirkt nach all den Jahren immer noch wie ein
Haufen guter Freunde. Warum habt ihr euch damals überhaupt
getrennt?
John: Wir waren jung und völlig verdorben. Wir
wussten das alles nicht zu schätzen. Wir standen
unter großem Druck.
Andy: Es war dieses typische “Wieso-sind-alle-anderen-so-selbstsüchtig“-Syndrom.
Ich war 19, als ich zur Band stieß, Nick war 17.
Wir waren Teenager, als wir den Vertrag bei EMI unterschrieben.
In der Zeit zwischen 18 und 25 sind wir nicht wirklich
gereift. Wir hatten ja keinerlei Verantwortung. Die
einzige Weiterentwicklung während dieser sechs,
sieben Jahre war unsere Musik. Das Individuum trat völlig
dahinter zurück. Das ist wie bei jungen Fußballern.
Du hängst permanent mit derselben Clique rum, wo
alle dieselbe Sprache sprechen und dieselben Witze reißen.
Bis du dich mit 25 plötzlich fragst: Und was ist
mit mir? Plötzlich hast du ein Kind und stellst
fest, dass du existierst. Anfangs nutzt du die Band
als Flucht, später fliehst du vor ihr, weil sie
dir keinen Platz mehr für dich selbst lässt.
Man wird dort nicht erwachsen, alles ist einfach. Alles
ist käuflich. Habe ich jemanden verletzt? Egal,
bezahl sie und gut. Das ist ein sehr ungünstiges
Umfeld für einen jungen Menschen. Man lernt dort
nichts. Denn am Ende fällt man ins Loch. Es war
ohne Frage eine unglaubliche Erfahrung aber auch eine
große Chance, die uns da Anfang 20 in die Hände
gegeben worden. Natürlich wussten wir nicht, mit
ihr umzugehen.
25.) War eure Situation eine besondere? Und
was habt ihr daraus gelernt?
Andy: Ich glaube nicht, dass wir eine Ausnahme waren.
Wir haben fünf Alben und zwei Spin-Offs, also sieben
Alben in fünf Jahren gemacht. Das verschlägt
dir den Atem, das ist eine Karriere. Sieben Alben sind
eine Karriere. Die meisten Bands schaffen zwei und das
dritte geht im Koks unter. Sieben Alben, „Wildest
Dreams“ als Nummer-eins-Hit für James Bond,
zwanzig verdammte Hit-Singles. Was bleibt da noch zu
tun? Nichts. Spaß haben, mehr Drogen nehmen, noch
mehr Geld ausgeben, aber sonst nichts. Ich mache uns
keine Vorwürfe, weder mir noch Roger oder wie wir
damals waren. Immerhin haben ein paar Leute ein Haufen
Geld damit verdient. Wieso sollte man sich da schlecht
fühlen? Irgendwie haben wir es überlebt und
wieder zusammen gefunden. Heute ist es besser denn je.
Jeder von uns lebt heute bewusster und weiß die
Dinge mehr zu schätzen. Die Pause hat uns gut getan.
Wären wir damals dabei geblieben, es wäre
richtig schief gelaufen. Dadurch dass wir uns trennten,
haben wir unsere Haut gerettet und haben heute die Kraft
und den Schwung, es neu anzugehen. Die meisten anderen
Bands wären zu diesem Zeitpunkt völlig abgegessen.
Das hier ist eigentlich unser viertes Studioalbum in
der kompletten Duran Duran-Besetzung. Und wie sagt man
so schön in der Gegend, aus der ich komme: da ist
noch eine Menge Tinte im Füller.
26.) Außer euch hat fast keine Band der
80er Jahre überlebt. Schicksal?
Andy: Wir hatten Glück oder es war einfach Schicksal.
Unsere alten Freunde von Power Station sind alle tot.
Überleg mal: Du hast in zwei Bands gespielt, mit
beiden Hits gehabt, und die Hälfte der Leute lebt
nicht mehr. Da merkst du schnell, dass du ein bisschen
besser auf dich aufpassen solltest.
John: Wie nennt man das, wenn man sich den Rückzugsweg
abgeschnitten hat?
Andy: Wir können nicht mehr zurück. Daran
siehst du, wozu dieses Business fähig ist: Es kaut
dich auf und spuckt dich aus. Es tötet dich und
bringt dich früh ins Grab. Wir waren da dicht dran
…
John: Ich glaube, diese Erfahrung hat uns gut getan.
Sie zwang uns, mehr über uns und unsere Beziehungen
nachzudenken. Wir sind heute stärker und fokussierter
als am Anfang. Das mussten wir auch, um am Ball zu bleiben.
Man stellt sich das wohl so vor: Ok, wir fahren wir
mal eben für zwei Wochen nach Südfrankreich,
nehmen ein Album mit neuem Material auf und haben einen
Vertrag. Aber so war das nicht. Überhaupt nicht.
Die Messlatte für uns wurde ständig höher
gehängt. Wir mussten wirklich springen. Das war
wirklich erstaunlich. Und jetzt sind wir hier mit einem
neuen Album. Aber dahinter steht eine lange Geschichte.
27.) Wann kommt ihr mit dem neuen Album auf
Tour nach Deutschland?
John: Wir hoffen, in einigen unserer europäischen
Lieblingsstädte spielen zu können, bevor das
Album erscheint. Dann wären wir auch in Berlin.
Die komplette Deutschlandtour wird aber erst im nächsten
Jahr folgen. Darauf freue ich mich sehr.
Roger: Auf jeden Fall, denn Deutschland war schon immer
einer unserer stärksten Märkte, den uns immer
unterstützt hat. Daher freuen wir uns darauf, wieder
zu kommen.
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