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Tag
10 - Geschichtsstunde
Was soll man über einen Film schreiben, der so
kontrovers aufgenommen wurde wie "Baader"
von Christopher Roth? Es fällt schwer, auch das
Publikum war sich gestern nicht einig, die eine Hälfte
lehnte den Film buhend ab, die andere Hälfte honorierte
die durchaus hervorragenden Leistungen der Schauspieler
mit Applaus. Und zum Schluss standen mehr als 30 Personen
des Filmstabs auf der Bühne und enthielten sich
jeglichen Kommentars. Bizarr ist das einzige Wort, was
mir in dem Zusammenhang einfällt.
Wie
kam es soweit? Es ist 1972. Am Anfang des Films sieht
man einen im Dunklen geparkten BMW, in dem ein Mann
sitzt und die Bildzeitung liest, deren Schlagzeile lautet
"Andreas Baader will sich stellen". Ein Polizist
kontrolliert den Wagen, der Mann, offensichtlich Andreas
Baader, nimmt seine Waffe und schießt den Polizisten
nieder.
Rückblende:
1967, Andreas Baader geht wegen Autodiebstahls und anderer
Delikte erstmalig ins Gefängnis. Im weiteren Verlauf
des Films erfahren wir, wie Baader in den Untergrund
abtaucht, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof kennen lernt
und was in den Jahren zwischen 1967 und 1972 passiert.
Wir
lernen einen Andreas Baader kennen, so wie wir uns ihn
immer vorgestellt haben, ein Proleten, einen Chauvi
und Sexisten, einen Liebhaber schneller Autos, einen
Drogensüchtigen und einen Despoten, der immer wieder
beweisen muss, dass er und nur er der Kopf der Baader-Meinhof-Bande
ist.
Zwar
wirkt die gesamte Darstellung des Films manchmal etwas
konfus und man fragt sich mehrmals, wo und wann befinden
wir uns gerade, aber die schauspielerische Darstellung
ist brillant. Auch die anderen Charaktere des Films
sind gut getroffen, Gudrun Ensslin, die in einem Hörigkeitsverhältnis
zu Andreas Baader steht und Ulrike Meinhof, die zwischen
Bewunderung und Selbstzweifeln schwankt, sind exzellent
besetzt.
Ebenso
die weiteren Nebenrollen, wie die Mitstreiter der Gruppe,
als auch der BKA-Chef sind gut getroffen und selbst
die Ereignisse, die der Film aufgreift scheinen authentisch
wiedergegeben zu sein. Nur das ist das Problem des Films:
Authentizität. Denn der BKA-Chef hieß damals
Horst Herold und nicht Kurt Krone wie im Film und auch
die weiteren Kämpfer der RAF haben Namen, die nichts
mit der Realität zu tun haben.
Es
dauert lange bis einem klar wird, dass hier eine fiktive
Story erzählt wird, die zwar auf tatsächlichen
Ereignissen beruht, aber so nie stattgefunden hat.
Mir selbst wurde dies erst bewusst, als es kurz vor
Ende des Films eine Begegnung zwischen BKA-Chef Kurt
Krone und Andreas Baader auf einer dunklen Landstrasse
irgendwo in der Nähe von Frankfurt gibt, kurz vor
den ganz am Anfang des Filmes geschilderten Ereignissen.
Zwar
kamen mir schon zu Beginn Zweifel, da mir die Namen
der meisten Protagonisten nichts sagten, aber ich habe
diese Zweifel ignoriert, da mir die Darstellung Andreas
Baaders gefiel. Nach dem Treffen mit dem BKA-Chef sah
ich aber plötzlich den Film in einem anderen Licht.
Einen Film, der Geschichte mehr als offensichtlich
verfälscht, der Zweifel aufkommen lässt, ob
die bisherige Darstellung überhaupt den Tatsachen
entspricht und der uns ein Ende zeigt, das zu den übelsten
der Filmgeschichte gehört:
Andreas
Baader stirbt wie ein dem Western entsprungener Revolverheld
im Kugelhagel der Polizei am 1. Juni 1972.
Warum fragt man sich? Hätte dieser Film sich nicht
entweder komplett an die Realität halten können?
Oder wäre es vielleicht besser gewesen, wie in
"Die Stille nach dem Schuss" eine fiktive
Story zu erzählen mit fiktiven Personen, die aber
an authentischen Ereignissen angelehnt ist?
Hier
haben wir einen Film, der weder das eine noch das andere
ist. Leute, die in der Geschichte der RAF nicht bewandert
sind, könnten diese Darstellung für wahrheitsgetreu
halten. Das wäre fatal, denn so wird Geschichte
verfälscht.
So
macht der Film wütend, wenn man sich in der Geschichte
der RAF auskennt. Wütend und ratlos, denn wie schon
gesagt, die darstellerische Leistung war mehr als bewundernswert.
Trotzdem habe ich am Ende des Films mit gebuht und lehne
den Film auch weiterhin ab. Wünschenswert wäre
es, wenn dieser Film erst gar nicht in die Kinos kommt
oder nur mit einem Hinweis zu Beginn des Films, dass
es sich um eine fiktive Geschichte handelt.
So, meine liebe Lurchgemeinde, die Berlinale ist fast
am Ende, für mich endet sie schon hier und heute.
Zwar werde ich mir heute noch "Magical Mystery
Tour" von den Beatles und "The Stones in the
Park" anschauen. Meine Berichterstattung ist aber
hier zu Ende. Ich danke euch für eure Aufmerksamkeit
und vielleicht gibt es ein Wiedersehen im nächsten
Jahr.
Tschüß ... Ihr Robert Gump
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