Berlin
| 8.2.2003
Keine Angst, ich lebe noch, aber der gestrige Tag diente
dann doch letztendlich mehr der Erholung als dem Filme
sichten. Trotzdem, liebe Lurche war ich für euch
unterwegs und kann zumindest über zwei sehr unterschiedliche
Filme berichten. Aber der Reihe nach:
Der Nord-Media-Empfang:
Wenig Promis, eigentlich nur zwei Erwähnenswerte,
unser Umweltminister Jürgen Trittin und Ulrike
Folkerts („Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal)
in einem unglaublichen Cat-Suit (wo ist der Foto-Apparat,
wenn man ihn braucht). Ok, Armin Rhode war auch da,
aber der zählt ja nicht, schließlich findet
man ihn wie die letzten Jahre auf fast jeder Festivität.
Dazu kommen natürlich noch die Leute aus der Kategorie
„Kenn ich, aber wie heißt der noch mal?“.
Diesmal im Visier: der Assistent aus dem Hamburger „Tatort“
mit Robert Atzorn in der Hauptrolle. Für Tipps
wäre ich sehr dankbar.
Dafür gab es viel Alkohol (Longdrinks und Bier,
eine verheerende Mischung) und gute Musik: brasilianische
Klänge von Philippinos ähnelnden Typen in
weißen Satin-Hemden. Und was soll ich sagen, es
wurde spät, so dass ich tags darauf den Schlaf
in Doris Dörries „Nackt“ nachholen
musste. Ein guter Film zum Schlafen.
„Golden
Lemons“ von Jörg Siepmann
Amerika im Schnelldurchlauf: Die deutsche Punkband
"Die Goldenen Zitronen" gemeinsam mit dem
schizophrenen Rockstar "Wesley Willis" auf
Tournee.
Eine gelungene Dokumentation, die ein tristes Amerika
wiederspiegelt zwischen schummerigen Clubs, heruntergekommenen
Bars, Truck-Stops, armen Vororten und der Weite dieses
riesigen Landes. Dazwischen „Die Goldenen Zitronen“,
eine der letzten anti-kapitalistischen deutschen Bastionen,
die fast ausweglos versucht gegen ein größtenteils
ignorantes amerikanisches Publikum anzuspielen.
Daneben der autistisch-schizophrene "Wesley Willis",
auf der einen Seite Freak-Show für die amerikanischen
Teenager, auf der anderen Spiegelbild für das Amerika
nach dem 11. September.
Doch
damit nicht genug. Nach dem Film betraten der Regisseur
Jörg Siepmann, der Kameramann Hajo Schomerus und
Ted Gaier von den „Goldenen Zitronen“ die
Bühne des Arsenal-Kinos, und Ted machte unverständlich
klar, dass er und der Rest der Band den Film „Scheiße“
finden, da er nur die negativen Seiten dieser Tour beleuchtet
und ein tristes Amerika zeigt, welches „Die Goldenen
Zitronen“ so nicht erlebt hätten.
Außerdem würde der Eindruck erzeugt, die
Band wäre zum ersten Mal in den USA gewesen und
es hätten sich nur wenige Zuschauer zu den Konzerten
eingefunden, dabei war dies schon die zweite oder dritte
Tour und es hat auch Auftritte vor 500 und mehr Zuschauern
gegeben. Ted setzte eine Diskussion in Gang, in der
es letztendlich um die Frage ging, was darf ein Dokumentar-Film.
Eine sichtlich überforderte Moderatorin des Ganzen
machte diesen Disput zum zweiten Highlight des Nachmittags.
Den Film damit generell zu verdammen, wäre aber
total falsch, er zeigt ein durchaus realistisches Bild
des derzeitigen Amerikas und die Probleme einer deutschen
Band in den Weiten dieses Landes. Nur man sollte ihn
losgelöst vom Namen „Die Goldenen Zitronen“
betrachten und der Titel des Films ist damit hinfällig.
Und was uns Ted Gaier und Jörg Siepmann nach dem
Film boten, war Punk-Rock in bester Tradition. Keep
on rocking.
Das Leben des Davis Gale
Der
neue Alan Parker („Pink Floyd - The Wall“),
ein Politthriller um einen Aktivisten gegen die Todesstrafe,
der wegen Vergewaltigung und Mord angeklagt und zum
Tode verurteilt wird. Eine Journalistin recherchiert
kurz vor der Hinrichtung den Fall.
Das Dilemma des Films ist, dass er sich nicht entscheiden
kann, ist er nun Anklage gegen die Todesstrafe oder
nur ein gutgemachter Thriller mit einem nicht ganz überraschenden,
ab Mitte des Films vorhersehbaren Ende?
Zudem fällt er mit 131 Minuten Spiellänge
in die Kategorie „kürzer wäre vielleicht
auch nicht schlechter gewesen“. Doch eins lässt
sich unvermittelt festhalten, Kevin Spacey als angeklagter
Philosophie-Professor spielt auf seine stoische Art
und Weise wieder brillant und auch Kate Winslet als
Journalistin weiß zu überzeugen.
So, meine Lieben, jetzt geht’s erst einmal frühstücken
und von mir hört ihr morgen wieder.
Ihr Robert Gump |