| Bonn,
Rheinaue I'm only happy when it rains...
ist eigentlich schon seit Jahren (mit Ausnahme von
2002) das Motto der R(h)einkultur. Der Wetterbericht
verhieß auch, viel Glück zu bringen, doch leider (?)
war von Regen den ganzen Samstag nix zu sehen. Da heißt
es, gute Miene zum trockenen und sonnigen Spiel zu machen,
um sich mal wieder gepflegt das Trommelfell durchrocken
zu lassen. Das Line-up versprach einiges.
Als
erstes durfte ich die Turbo A.C.s und die damit
verbundene Hochkonjunktur für Pornosonnebrillen und
Trucker-Schirmmützen erleben. Die New Yorker zelebrierten
auf solide Art und Weise ihren Pomadenpunk, vornehmlich
mit Songs von der neuen Scheibe "Automatic".
Neuerdings darf man ja auch mitgröhlen bei den Refrainchören
mit Hitpotential, so dass die Stimmung für die Uhrzeit
mehr als okay war.
Als kurzfristiger Ersatz für Smoke Blow spielten danach
Atreyu. Erst ein paar Tage vorher mussten Smoke
Blow aus Krankheitsgründen absagen, was zu ein paar
entsetzten Gesichten bei den angereisten Fans der Kieler
Deutsch-Punker führte. Atreyu sind zur Zeit als Support
von Boysetsfire unterwegs, so dass sie spontan einspringen
konnten. Die Emocore-Band mit Metal-Hintergrund schaffte
es zwar, die Power ihres viel umjubelten Erstlings "Suicide
notes and butterfly kisses" auf die Bühne zu bringen,
obwohl sie wie viele andere Bands mit anfänglichen Soundproblemen
zu kämpfen hatten, aber das Publikum schien nicht richtig
aufzutauen (Wohl zu viele Smoke Blow Fans?!). Diese
Band sollte man unbedingt im Auge behalten!
Anschließend
die positive Überraschung des Festivals: Union Youth!
Bis jetzt nur auf Supporttour mit mcclusky (zugegeben
etwas desinteressiert) gesehen, wusste ihr Auftritt
voll und ganz reinzuhauen. Mit brachialer Power und
Emotionen gelang es der Band, ihr Album "The Royal Gene"
technisch herausragend den Zuhörern um die Ohren zu
rocken, so dass mich überhaupt nicht mehr wundert, dass
manch Verwegener schon den vorsichtigen Vergleich mit
Nirvana gezogen hat. Smells Like Grunge-Nostalgie! Leider
konnte ich dieses Spektakel nur die ersten 20 Minuten
verfolgen, da eine Hamburger Band zur anderen Bühne
gerufen hat (Danke, Organisatoren!).
Jau, Kettcar laden zum Tanz, mal wieder vor
einer unglaublicher Zuschauerzahl. Nach der vom Moderator
herangezogenen, durchaus treffenden (!?) Analogienfolge:
1954 WM-Final-Sieg der Deutschen, 1963 Kennedys Spruch:
"Ich bin ein Berliner." und 2002 die Veröffentlichung
von "Du und wieviel von deinen Freunden"!!, betrat offensichtlich
peinlich berührt die Band die Bühne, um uns anschließend
mit einem 'Wie geil war das denn!' zu begrüßen.
Die Playlist entsprach der des Hurricane-Auftrittes,
inklusive des grandiosen "Mein Skateboard kriegt mein
Zahnarzt", von Markus in bester Songwritermanier als
Zugabe zum Besten gegeben.
Sehr
spaßig drauf war die Security, die zwischenzeitlich
als Cheerleader einsprangen, was ihnen den Lob als 'weltbeste'
Security seitens der Band einbrachte. Nicht nur die
Herren und Damen in den gräßlichen T-Shirts sangen jedes
Lied lauthals mit. Ich hatte den Eindruck, dass die
Band ihren momentanen Erfolg in Deutschland noch nicht
so ganz realisieren konnte, sowohl beim Hurricane als
auch auf der Rheinkultur standen sie am Ende mit kindlich-glänzenden
Augen auf der Bühne und bedankten sich artig und köpfeschüttelnd
bei den Tausenden von Fans. Diese Band und deren Label
'Grand Hotel van Cleef' haben es aber auf jeden Fall
verdient und in ein paar Jahren werden die Hamburger
auch nicht mehr am frühen Nachmittag spielen müssen.
Wetten, dass...?
Um 20 Uhr betrat auf der roten Bühne dann Mister Sex'n'Roll,
Danko Jones, aus Kanada die Bühne, der mit seinem
nicht gerade klein ausgefallenen Selbstbewusstsein das
Publikum zu irritieren wusste. Aber sein furztrockener
Bluespunk wurde mal wieder perfekt vorgetragen, so dass
ein Großteil der Zuhörer vom Kopfschütteln zum Kopfnicken
überging. Dankos extravagante Oral-Akrobatik legt wohl
jede Frau flach. Also: "If you wanna do it do it right!"
Statt
mir die Sportfreunde zu Gemüte zu führen, blieb ich
bei der roten Bühne, um die Emo-/Hardcore-Heroen Boysetsfire
(und den derzeitigen Hype um jene welche) zu erleben.
Zusätzlich gespannt war ich, wie BSF es schaffen würden,
ihr doch eher uninspirierend und charakterlos dahinrockendes
neues Album live umzusetzen.
Dann gleich die erste Überraschung beim Opener: ich
wollte eigentlich schon den Zeigefinger in den Himmel
strecken und anfangen "Rise..., rise..., rise...!!!"
zu brüllen, aber es ertönte nicht "After the eulogy"
vom gleichbenannten Über-Album, sondern "Release the
dogs" von "Tomorrow come today". Ansonsten hörte ich
eine erschreckend lahme Show, was hoffentlich am unteriridschen
Sound lag (Mein Nebenan erkundigte sich noch freundlich,
ob denn überhaupt Gitarren dabei wären...).
Der
Schwerpunkt lag (leider) eindeutig auf dem neuen Album,
zum Glück spielte sie auch den Ohrwurm "Last year's
nest" und zum Schluss natürlich "Rookie", das wirkliche
Highlight. Die Stimmung war durchgehend hervorragend,
ich war aber trotzdem enttäuscht. Diese Band ist definitiv
keine Festival- sondern eine Club-Band!
Von den Hellacopters habe ich dann nicht mehr
soviel mitgenommen, durfte ich sie doch schon auf dem
Hurricane bewundern. Der Moderator Rocco Klein verkündete
freudestrahlend, dass es den Veranstaltern nach Jahren
endlich gelungen sei, die Götter des Schweinerocks zu
verpflichten. Recht hat er, was ihm auch die treue Anhängerschar
dieser Band bekundeten! Ich schaute noch kurz bei De-Phazz
vorbei, merkte aber, dass diese Jazz-Funk-Blues-Fusion
gar nix für mich ist.
Das
war sie also dann, die 21. Rheinkultur. Ich habe schon
musikalisch erlebnisreichere erlebt, so dass die Überschrift
doch ein Quentchen Wahrheit beinhaltet. Für die Veranstalter,
die nach der Insolvenz der Concert Cooperation Bonn
vor einer großen Herausforderung standen, war das Event
mit 170.000 Besuchern ein voller Erfolg, der Ruf als
eines der größten Umsonst-und-draußen-Festivals in Deutschland
wurde eindrucksvoll untermauert. (tr)
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