| Sommer,
Sonne, Sonnenschein, zieh ich mir furchtbar gerne rein,
das war nie genug…
Mit
solchen oder ähnlichen Slogans im Hinterkopf pilgerten
dieses Jahr wieder knapp 80.000 Festivalfreaks zum Rock
am Ring Open-Air und ließen sich durch außergewöhnlich
gutes Wetter und ein megafettes Lineup ein Wochenende
lang verwöhnen. Solch drei tollen Tage wird man
dieses Jahr in der Festival Landschaft wohl vergebens
suchen.
Nach
einem fünfstündigen "Feuerwehrauto-Ritt“
erreichten wir am Donnerstagabend die wohl berühmteste
Rennschleife der Welt, die in den kommenden Tagen ganz
im Zeichen dröhnender Rockmusik stehen sollte.
Zum allgemeinen Erstaunen war die Nordschleife, unser
Zuhause der letzten Jahre, bereits brechend voll. Aber
dank netter Zeltnachbarn und charmantem Verhandlungsgeschick
konnten wir uns noch einen Platz bei Kilometer 3 sichern.
Schwein gehabt, kann man da nur sagen. Das Campingareal
der “Grünen Hölle“ zog sich nämlich
bis Kilometer 12, von wo aus man schon mit dem regelmäßig
verkehrenden Shuttelbus eine gute Stunde bis zum eigentlichen
Schauplatz braucht. Hüllen wir mal besser den Mantel
des Schweigens über die Dauer eines eventuellen
Fußmarsches.
Absolut
die Krönung ist das alljährliche Schaustellen
der dicksten Anlagen und der kuriosesten Eigenbauten.
Noch bevor das erste Riff auf der Hauptbühne angestimmt
wird, herrscht bereits auf allen Campingplätzen
rund um die Centerstage Highlife, die Partypeople feiern
dort schon seit Tagen ihr eigenes Festival. Den Vogel
schoß diesmal ein 40 Tonnen schwerer Truck ab,
der von seinen Besitzern zu einem Wohnzimmer auf Rädern
umfunktioniert wurde. Gleichzeitig diente er auch noch
als Stage für die kleinen Kombos dieser Welt. Denn
bekommt man als Nachwuchsband auf den großen Bühnen
keine Chance, so spielt man eben auf den Zeltplätzen.
Die besoffenen und bekifften, denen der tägliche
Weg zum Festivalgelände zu weit ist (das gibt es
auch!) danken es Beifallstürmen.
Unser
Redakteur Guido schien in der ersten Nacht auch schon
ein paar Stunden zuviel in die Alkflasche geschaut zu
haben. Er versuchte mit klitschnassen, gerade gerodeten
Bäumchen ein Lagerfeuer zu starten, was natürlich
voll in die Hose ging. Guido gab zwar regelmäßig
Spiritus auf das Holz (bitte nicht nachmachen!!!), aber
das auch immer nur dieser brannte, schien er nicht mehr
zu checken. “Es brennt, ich habs geschafft!“,
freute er sich seines Lebens, unsere Crew schüttelte
nur den Kopf.
Vor
allem Dirk erboste sich immer mehr, da sein Vorrat an
Spiritus so langsam zu neige gehen drohte. Beherzt schritt
er ein, und rettete den letzten Rest der Starthilfe
für unseren Grill.
Gegen 4 Uhr morgens war dann für 3 Stunden schlafen
angesagt. Um 7 in der Früh legte nämlich das
selbsternannte Weckkommando los, und rieß alle
in ihrer Umgebung befindlichen Leudde mit unerträglichem
Sirenengeheul aus den tiefsten Träumen.
Beim
ersten Blick aus dem Zelt traute man seinen Augen nicht.
Strahlender Sonnenschein und Temperaturen um die 25
Grad. Sollte es wirklich war sein?! Gibt es dieses Jahr
keinen Regen?
So
wie der Tag begann, sollte er auch enden. Grandiose
Bands standen an diesem Freitag auf dem Programm. Die
Auswahl reichte vom “zarten Pop“ der Cardigans
bis hin zum “Geknüppel“ der Murderdolls.
Mit The Donnas, Blackmail, Dandy Warhols, Silverchair,
Iron Maiden, Zwan, Molotov, Reamonn, Taproot, The Hives
und vielen anderen fiel es wahrlich nicht leicht, seine
Leckerbissen herauszusuchen.
Einer
der Höhepunkte auf der Alternastage war mit Sicherheit
der Auftritt der Hives. Über 20.000 Menschen hatten
sich vor der “kleinen Schwester der Hauptbühne“
eingefunden und sie sollten ihr Kommen nicht bereuen.
Die schwedische Spaßkappelle, Infos unter www.burningheart.com,
konnte mit ihrem würzigen Cocktail aus trashigem
Retro-Rock und funky Punk die Massen in kürzester
Zeit in ihren Bann ziehen. Niemand konnte und wollte
sich dieser Ausstrahlungskraft entziehen und tanzte
zu “Main Offender“, “Hate to say I
told you so“, “a.k.a I-D-I-O-T“ oder
“Black Jack“ ab wie ein wildgewordenes Schwein.
Grandios!
Für
alle Alt-Metaller aber war an diesem Tage “Iron
Maiden“ das Pflichtprogramm. Bruce Dickinson und
seine fünf Bandmitglieder Steve Harris, Dave Murray,
Adrion Smith, Janick Gers und Nicko McBrain enterten
als Headliner gegen 22 Uhr die Centerstage und spielen
auch nach knapp 25 Jahren im Rockgeschäft noch
ganz oben mit.
Das
ist nach diesem Auftritt Gewissheit. Mit den ultracoolen
Evergreens der Heavy-Metal Szene “Wratchild“,
“Run to the Hills”, “Hollowed be thy
Name”, “Iron Maiden” und “The
number of the beast” rissen sie das begeisterte
Publikum zu Applausorgien hin, wie man sie selten erlebt
hat. Wer mehr zu dieser einmaligen Metal-Band erfahren
will, auf der Internetseite www.ironmaiden.com findet
ihr alles, was das Herz begehrt.
Den
musikalischen Abschluß gab es auf dem Talent-Forum
durch die Nu-Metal Band Taproot. Vor leider nicht mehr
ganz so zahlreichem Publikum schrien und bretterten
sie ihren Sound heraus, doch phasenweise wirkte das
ganze aufgesetzt und erinnerte etwas an ihre erfolgreicheren
Kollegen von Linkin Park. Doch auch sie gaben ihr bestes,
schließlich ist es nicht ganz einfach zu später
Nacht den stark unter flüssigen Drogen stehenden
Leuten einzuheizen.
Am
Samstag überhörten wir gottseidank die überaus
nett gemeinten Ruhestörungen (nochmals vielen Dank
ihr blöden Hampelmänner), und konnten unsere
Augen bis in den Vormittag geschlossen halten. Dann
aber wurde die Hitze im Zelt so unerträglich, dass
wir raus mussten.
Mario, unser allseits geschätzter Spaßvogel,
kühlte seinen ausgetrockneten Körper ersteinmal
auf der anderen “Straßenseite“ bei
unseren Korntrinkern aus dem Ostfriesenland. Ein paar
Stunden später stellte sich sehr zu unserer Freude
heraus, dass er dieses besser gelassen hätte. Denn
während wir vor der Centerstage zu den Klängen
von Clawfinger und Stone Sour lauschten, schlief Mario
auf einer der zahlreichen Dixi-Toiletten stundenlang
seinen Rausch aus.
Aber
liebe Leser, der Junge ist nicht immer so ekelig und
dösig. Er hat auch sein gutes Herz. Am Freitag
trafen wir ein nettes Mädel aus dem Erzgebirge,
die aber völlig aufgelöst war, da sie ihre
Eintrittskarte verloren hatte. Mario erkannte ihr unendliches
Leid sofort, und verkaufte eine seiner zuviel organisierten
Tickets für den grandiosen Rabatt von 5 Euro. Eine
bemerkenswerte soziale Geste!
Musikalisch
war dieser Samstag durch die Absagen der beiden “Überbands“
Linkin Park und Limp Bizkit im Vorfeld arg gerupft worden,
doch arbeiteten die Organisatoren im Hintergrund auf
Hochtouren, um in etwa gleichwertigen Ersatz zu finden.
Das ist ihnen auch gelungen. Mit Placebo und Clawfinger
konnten zwei gestandene Größen kurzfristig
für das Pfingstfestival verpflichtet werden. Doch
außer diesen beiden spielten unter anderem noch
Surrogat, Dave Gahan, Evanescence, Virginia Jetzt!,
Audioslave, The Hellacopters, Venice, und Apocalyptica
auf den drei Bühnen auf.
Einen
klasse Auftritt legten die Jungs von Audioslave hin.
Die neue “Alternative-Supergroup“ ließ
während ihrer knapp anderthalbstündigen Show
keine Wünsche offen, spielte alle Kracher wie “Cochise“,
“Gasoline“, “I am the Highway“
und “Set it off“, bestach durch unglaublich
fetten Sound und den genialen Gesang von Frontmann Chris
Cornell. Im Netz findet ihr unter www.audioslave.com
mehr zur Band um die Ex-Rage against the Machine Mitglieder
Tom Morello, Brad Wilk und Tim Commerford.
Auf
der Talentbühne sorgte eine Rock-Pop Formation
aus Deutschland für viel Aufsehen. Die Newcomerband
Virginia Jetzt! konnte mit ihrem unverkennbaren Stil
nicht nur “kleine Mädchen“ vom Hocker
reißen, sondern begeisterte ganze Massen. Im Augenblick
sind sie mit ihrer Single “Von guten Eltern“
in aller Munde, das erste Album “Wer hat Angst
vor Virginia Jetzt!“ könnt ihr seit einigen
Tagen bei jedem gut sortierten Plattenhändler bekommen.
Wen
die selbstgeschriebenen Tourtagebücher der netten
Burschen interessieren und weitere News haben möchte,
schaut am besten gleich mal auf die Homepage www.virginia-jetzt.de.
Dort gibt es auf einer toll gemachten Seite alles weitere
rund um die süßen Typen aus Elsterwerder.
Zu
später Nacht hatten auf der Talentstage noch die
Hellacopters ihr großes Rock am Ring Gastspiel.
High energy Rock’n’Roll der allerersten
Güte mit fetten Gitarren und peitschendem Schlagzeug
ganiert, das sind die Hellacopters aus Schweden. Diese
Kombo muß man als Rock-Fetischist unbedingt mal
gesehen haben. Mit ihren Alben “Grande Rock“,
“High Visibility“ und “By the Grace
of God”, aus denen sie auch zahlreiche Songs am
Ring spielten, haben sie sich in der Musikszene unsterblich
gemacht. Aktuelle Tourdaten und mehr unter www.hellacopters.com.
Auf
der Hauptbühne fungierten Placebo als “Rausschmeißer“.
Brian Molko und Anhang hatte vor ihrem Auftritt bei
Rock am Ring schon einen Gig beim Pinkpop-Festival (www.pinkpop.nl)
in Holland in den Beinen. Aber trotz dieser Strapatzen
hauten die Briten nocheinmal richtig auf die “Scheiße“
und lieferten ein unvergessliches Konzert ab. Über
30.000 Menschen hatten bis kurz nach 1 Uhr ausgehaart,
um sich von Hits wie “Taste in men“ oder
“Slave to the wage“ begeistern zu lassen.
Nach gut 2 Stunden nonstop Power-Rock feierten die Massen
Placebo und bedankten sich für den Auftritt von
Brian Molko, Stefan Olsdal und Steve Hewitt mit langanhaltendem
Beifall.
Mittlerweile
war die Uhr bei 4 Uhr morgens angekommen und wir eilten
erschöpft aber glücklich zu unseren Zelten
zurück.
Am
Morgen des letzten Tages spürte dann jeder einzelnen
unseres Teams so langsam die Knochen seines Körpers,
und es war schön zu wissen, dass es heute Nacht
wieder nach Hause geht. Doch bevor es soweit war, standen
die eigentlichen Höhepunkte des Festivals noch
an. Ich möchte mal behaupten, die Hälfte aller
Besucher ist in erster Linie für den heutigen Tag
angereist. Denn mit Metallica, Marilyn Manson, Queens
of the Stone Age, Disturbed, Boysetsfire, Danko Jones
und The Cooper Temple Clause stand das Who is Who der
Rockwelt auf den Bühnen am Nürburgring. Ergänzt
wurde dieses Lineup durch die Hip Hop Fraktionen ASD,
Beginner, Patrice, Deichkind und den “Allstar“
Moby.
Was
nicht sein konnte und nicht sein durfte, nämlich
ein trockenes Rock am Ring, fand in den Nachmittagsstunden
seine Bestätigung. Der Himmel hatte sich über
Stunden hinweg über der Eifel so zusammengezogen,
dass es zu regnen und gewittern begann. Doch das Unwetter
hielt sich noch in Grenzen. Es hätte trotz der
starken Regenfälle durchaus schlimmer kommen können.
Da viele Leute noch auf den Campingplätzen hausten,
boten die Zelte und Autos Schutz vor dem Regen und kaum
jemand wurde richtig durchnässt.
Als
Rockfan hätte man die Centerstage eigentlich um
15 Uhr aufsuchen und seinen Platz bis Mitternacht eisern
verteidigen müssen. Hier tobte für knapp 10
Stunden der Bär! Die Hardcore-Rock Band Boysetsfire
und das Metal-Quartett Disturbed dienten den richtig
großen Acts als Einheizer. Sie verstanden es,
das Publikum mit einer guten Show und geilen Songs auf
ihre Seite zu bringen.
Als die Stoner-Rock Formation der Queens of the Stone
Age die Bühne betrat, ging die Crowd vor der Stage
das erste Mal so richtig ab. Mit alten aber auch vielen
Songs vom neuen Album “Songs for the Deaf“
verbreiteten Nick Oliveri und Josh Homme 1a Stimmung.
Leider war nach einer Stunde schon wieder alles vorbei.
Aber schaute man auf den Zeitplan, erwartete uns bereits
das nächste Highlight.
Chino
Moreno, Frontmann der zurzeit wohl angesagtesten Band
im Metal/ Hardcore Bereich, stand schon in den Startlöchern.
Mit seinen Deftones schrie er die Centerstage förmlich
in Grund und Boden. Ungeachtet dessen, dass der Auftritt
in einen engen Zeitplan eingebettet war, hauten die
Jungs jeden bekannten Song aus ihrem Repertoire. “My
own summer“, “Digital bath“, “Minerva“,
“Around the four“ und “Change“,
das waren die Dinger, die das Volk hören wollte.
Chino schien an diesem Abend in Topform zu sein, man
merkte ihm und der ganzen Band wahre Spielfreude an.
Infos zum neuen Album und allem weiteren rund um die
Deftones unter www.deftones.com
.
Und
dann war Horrorshow angesagt. Marilyn Manson, der König
des Schockrocks, gab sich die Ehre und zeigte mal wieder
eine außergewöhnlich extravagante Show. Seine
Performance gibt jedes mal Anlass für wilde Diskussionen,
in Italien wurde unlängst ein Konzert von ihm verboten.
Manson ist ein Entertainer, an dem sich die Geister
scheiden. Entweder man liebt ihn oder man kriegt das
kalte Kotzen, wenn man nur seinen Namen hört.
Die
Menschen vor der Bühne am Ring waren begeistert.
Mit Klassikern wie “The beautiful people“,
“The Dope show“, “Nobodys“,
“I don’t like the drugs“, “mobscene”
und “The fight song” jagte der Mann, dem
der Schalk im Nacken sitzt, seinen Jüngern eine
gehörige Portion “Ehrfurcht“ ein.
Nach 90 Minuten bester Unterhaltung war der Spuk aber
vorüber und die Bühne wurde für eine
Band hergerichtet, auf die seit Wochen jedes Objektiv
fixiert ist. Metallica!
Um
22 Uhr war es soweit. James Hetfield, Kirk Hammett,
Rob Trujillo und Lars Ulrich kamen unter dem tosenden
Applaus von gut 50.000 Leuten auf die Centerstage, und
brannten von Beginn ein Feuerwerk der Extraklasse ab.
Sie überzeugten vor allem ihre Kritiker und die
vielen Skeptiker, die bezweifelten, ob die Band noch
das alte Feuer in sich habe. Vollgas von der ersten
bis zur letzten Minute.war genau die richtige Antwort.
Metallica machten ihrem Ruf als exellente Liveband alle
Ehre.
Das
Publikum rastete völlig aus und man sah weit und
breit nur noch wehende Haare und moschende Metallheads.
Die Titelauswahl reichte von uralt Hits wie “One“,
“Master of Puppets“ und “Enter Sandman“
bis hin zu den 11 neuen Songs vom St. Anger Album, das
seit dem 10.06. in allen CD-Abteilungen zu finden ist.
Bei
ihrem Gig stach vor allem der neue Bassist Rob Trujillo
hervor, da er endlich wieder die lange Haarpracht in
die Band zurückkehren ließ. Aber auch von
der künstlerischen Seite betrachtet gibt er der
Band die nötigen neuen Impulse. Man darf in Sachen
Metal von Metallica in den nächsten Jahren wieder
ernsthaft etwas erwarten. News, Infos, Bandhistory und
vieles mehr von den Amis unter www.metallica.com.
Gegen
eins in der Nacht wurde das Kapitel Rock am Ring 2003
auf der Centerstage geschlossen. Auf den Nebenschauplätzen
gingen die gesanglichen Darbietungen von Moby ebenfalls
in die Endphase. Auch unsere Crew machte sich auf den
Rückzug und den wohlverdienten Heimweg.
Ach hätt ich doch, ach hätt ich doch…
bloß ein Ticket gekauft! Falls ihr jetzt solche
Gedanken haben solltet, ärgert euch nicht! Rock
am Ring 2003 ist vorbei und schrieb Musikgeschichte.
Aber die 18. Auflage folgt schon 2004 und wird wieder
ein Ereignis der ganz besonderen Art. Dann hoffentlich
auch (wieder) mit euch.
Bis zum Hurricane - Euer Lurchteam
Konzert-Fotos :
Jochen Melchior |