 Sziget-Festival
- Der erste Tag
Hallo ihr lieben Elektrolurchfreunde in aller Welt.
Nach fast 15 stündiger Autobahnraserei sind wir
nun endlich in der ungarischen Hauptstadt Budapest angekommen.
Uns erwartet in den nächsten sieben Tagen ein
Festival-Event der Sonderklasse. Auf der Obudai-Insel
findet mal wieder das grõsste europáische
Open-Air Event statt.
Doch der Start verlief alles andere als planmässig.
Seit anderthalb Tagen ist es fast ununterbrochen am
regnen.
Auf so ein Mistwetter waren wir natûrlich nicht
eingestellt, und so pfeifen wir jetzt schon aus dem
vorletzten Loch. Zelte nass, sowohl von innen als auch
von aussen, Klotten versaut und auch unserer Sitzgelegenheiten
võllig durchnässt. Ohne unseren sicheren
Anker Alkohol wäre die Stimmung schon dahin. Aber
Wetterbesserung ist in Sicht! Morgen melden wir uns
dann mit den ersten Konzertberichten, unter anderem
Shaggy, Björn Again und Buena Vista Social Club
sowie mit hoffentlich superviel Sonne aus dem Arsch
zurück!
Sziget-Festival
- Der zweite Tag
Oh man oh man! Bin gerade wieder am Zeltplatz angekommen,
und müsste eigentlich mal ganz dringend duschen. Doch
zuvor in aller Kürze die Ereignisse einer wild durchzechten
Nacht.
Los gings gestern Nachmittag mit einer ratten scharfen
ungarischen Faith No More Cover-Band. Die Jungs haben
dermassen das Haus gerockt, dass man sich gar nicht
mehr so sicher sein konnte, ob nun das Original in Form
von Mr. Patton vor uns stand oder eben dieses Plagiat
vom Balaton.
Eigentlich
wollt ich nach dieser Ladung Rock'n'Roll fix rüber zu
Björn Again. Doch daraus wurde nicht mal im Ansatz etwas.
Ich versackte auf der Insel mit irgendso Typen aus Österreich
und Ungarn.
Tja, was soll ich weiter sagen, das erste woran ich
mich wieder ein wenig erinnern kann ist Mr. 'Lover Lover'
Shaggy. Im Gedaechtnis blieb hier allerdings in erster
Linie der extrem hohe Frauenanteil vor der Centerstage.
Der Kollege scheint wohl das gewisse Etwas zu haben,
was mir noch fehlt. Aber egal, die Nacht war noch jung
und es konnte nur besser werden.
Der Buena Vista Social Club war mein naechster Programmpunkt.
Beeindruckend wie die alten Herren aus Kuba ihre Musik
zelebrieren und teilweise spektakulaere Tanzeinlagen
auf die Bühne zaubern. Da waere wohl so manch 90jaehriger
Opi verdammt stolz drauf, könnte er seiner 'Kaethe'
mit solchen Schwüngen aufwarten.
Doch
mag die Musik auch noch so ins Blut gehen und Massen
begeistern, ich brauchte mehr Rock. Also gings mit netter
Begleitung quer durch fast alle Zelte. Wir tanzten zu
Slipknot und Metallica genauso wie zu deutschen Evergreens
von Nena und Peter Schilling. Höhepunkt unserer Reise
war heute um fünf Uhr in der Früh das Heavy Metal-Zelt.
Ich
würd Euch gerne einiges darüber schreiben, aber man
kann es einfach nicht in die passenden Worte fassen.
Diesen 'Scheiss' muss man einfach gesehen und erlebt
haben. Die wildesten Metalheads aus ganz Europa gaben
ein 'Best-of Metal-unplugged' wie man es sich nicht
mal in den verrücktesten Traeumen ausmalen kann.
Als dieser Stand auch seine Türen schloss, schwemmte
es uns zu guter letzt ins Schlafzelt. Voll geraeuchert
bis unters Dach und mit Esotherik Mukke im Hintergrund
lockt es all morgentlich mehrere hundert Partyfreaks
zum gemeinschaftlichen Chillen.
Das beste aber jetzt noch zum Schluss: PETRUS HAT ENDLICH
SEINE PFORTEN GESCHLOSSEN!!! Machts gut und bis morgen
aus 'HOT HUNGARY'.
Sziget-Festival
2003- Der dritte Tag
Gestern wurde der vorlaeufige Höhepunkt des diesjaehrigen
Sziget-Festivals erreicht. Wolkenbruchartige Regenfaelle
gingen über der ungarischen Hauptstadt nieder und überfluteten
innerhalb weniger Minuten grosse Teile des Campinggelaendes
und verwandelten den Boden vor den zahlreichen Bühnen
und Zelten in riesengrosse Schlammpfützen.
Man fühlte sich weniger auf einem einwöchigen Open-Air
Festival, als vielmehr auf einem multinationalen Mud-Wrestling
Contest. Egal wo man auch hin und rein wollte, man musste
notgedrungen durch fette Schlammberge waarten. Die haertesten
Alkvögel störte dieses schon lange nicht mehr. Sie warfen
sich kopfüber mit Haut und Haaren in die Dreckslöcher,
und sorgten so dafür, dass das Sziget seit gestern auch
die ersten Moorleichen begrüssen kann.
Musikalisch
war der gestrige Tag etwas ruhiger gestaltet. Auf der
Hauptbühne gab ab 21.30 Uhr die amerikanische Saengerin
Patti Smith ihre wunderbare Stimme zum besten. Bekannt
wurde sie unter anderem durch den schon tausendfach
gecoverten Evergreen "Because the night".
Als die gute Frau in den letzten Atemzügen lag, waren
wir schon weiter zur Worldmusic-Stage gerutscht. Dort
stand unser absoluter Headliner in den Startlöchern.
Die Skatalites hatten sich angekündigt und ihre musikalische
Ska-Reggae Botschaft kam nicht nur bei uns sehr gut
an. Die Zuschauer feierten die Band nach dem Auftritt
mit minutenlangen Ovationen. Der Rhythmus ging einfach
ins Blut. Schade, dass sie nicht laenger ran durften!
Auf
dem Rückweg schauten wir dann noch bei den Hare Krishna
Jungs rein. Dort gibt es erstens den besten und billigsten
Gulasch-Eintopf auf dem ganzen Sziget, und zweitens
ist ihr "Trance-Ska" einfach umwerfend. Mal langsam,
mal mit viel Drive, mal einfühlsam, mal brutal, so oder
aehnlich kann man ihre Musik am besten beschreiben.
Schon nach ein paar Minuten hat einen dieser Style
so gepackt, dass man davon gar nicht genug bekommen
kann. Aber auch bei den Krishnas gibts irgendwann mal
ein Ende und so mussten wir gegen kurz nach Mitternacht
den Gang in unser letztes Rückzugsgebiet, das Metalzelt,
antreten.
Dort
gabs zwar reichlich Musik, aber berichten kann ich darüber
leider nicht mehr, weil der Alkteufel in meinem Kopf
wiedermal böse gewütet hatte.
Ich war froh, gegen ca. drei Uhr in der Früh überhaupt
aufrecht und nicht auf allen Vieren mein Auto erreicht
zu haben. Über alle weiteren Vorkommnisse in der Nacht
hülle ich dann mal besser den Mantel des Schweigens.
Sziget-Festival - Der vierte Tag
Endlich
hat sich über Budapest die Sonne blicken lassen, und
dem mehr als trüben Wetter den Zahn gezogen. Temperaturen
von bis zu 32 Grad und wolkenloser Himmel sorgten für
eine super Stimmung unter den Festivalianern, die heute
nocheinmal viel Zuwachs von zahlreichen Ungarn erhalten
haben.
Die Insel drohte zu spaeter Abendstunden aus den Naehten
zu platzen, so dicht draengten sich die Massen von einem
Zelt zum anderen. aber fangen wir von vorne an.
Zunaechst einmal war viel schlafen angesagt. Die letzte
Nacht hatte viel Energie geraubt, und so dösten wir
im Prinzip bis in den spaeten Nachmittag auf unserem
Camping-Terrain dahin. Ab und an tranken wir mit unseren
netten Nachbarn aus Köln ein Bierchen gegen die herbeigesehnte
Hitze, aber das wars dann auch schon mit unseren Anstrengungen.
Erster
richtiger Programmpunkt war gegen kurz nach 18 Uhr die
Asian Dub Foundation. Das Multi-Kultig Kollektiv aus
England begeisterte mit rassigen Ragga-Dub Klaengen
ihre Fans, die zahlreich vor der Mainstage erschienen
waren. Es war genau die richtige Musik für diesen lauen
Sommerabend.
Nach kurzem Grillstopp bei unseren 4 sehr charmanten
Wahlberlinerinnen gings weiter zur Metalbühne. Dort
sollten gegen 21.30 Uhr die schwedischen Crossover Dinos
Clawfinger die Stage entern. Doch je naeher wir dem
Ort des Geschehens kamen, desto weniger trauten wir
unseren Augen. Es herrschte ein Ansturm wie beim Sommerschlussverkauf
bei Hertie.
Schnell
wurde uns klar, dass es wenig Sinn machen würde, sich
noch in die fast 9000 Mann fassende Zelthalle zu draengen.
Wir zogen es stattdessen vor, uns auf dem benachbarten
"Militaergelaende" der ungarischen Armee niederzulassen,
mit Bier zu betrinken und den herüberwehenden Klaengen
von Clawfinger zu lauschen. Doch nach einer knappen
Stunde hatten wir von dem Soundbrei so die Faxen dicke,
dass wir uns auf eine Party Odysee über die Obudai aufmachten.
Egal welches Zelt wir auch ansteuerten, die Dinger waren
zum Bersten gefüllt.
Darum blieb uns schon fast gar nichts anderes übrig,
als sich vors Zelt zu setzen und mit hübschen Ungarinnen
zu dialogisieren. Doch das wollte irgendwie auch nicht
so recht gelingen, lag wohl am hohen Drogenlevel. So
langsam verabschiedete sich naemlich mal wieder das
Steh- und Sprachvermögen. Doch ob ihrs glaubt oder nicht,
weit nach Mitternacht haben wir im Technozelt dann doch
noch ne anstaendige Feier auftreiben können.
Drum
and Bass DJ God Goldie legte dort seine Scheiben auf,
und liess seine Jünger kraeftig abzappeln. Das dabei
laengst nicht jeder im Zelt regelmaessiger "Technogaenger"
ist, wurde an den überaus witzigen Tanzstilen klar.
So manch einer bewegte sich wie ein Flamingo, dem man
einen Tauchsieder ins Becken geschmissen hat.
Aber ich will mal besser nicht laestern, bei uns sahs
auch nicht besser aus, der Alk hatte böse gewütet. Mit
"letzter Kraft" schleppten Markus und ich uns noch auf
so'ne Open-Air Schlafkissen-Ansammlung, und nickten
dort binnen weniger Sekunden ein. Wie und wann wir zum
Zeltplatz zurückkamen, dass wissen nur die Engelchen.
Sziget-Festival 2003 - Der fünfte
Tag
Hallo ihr Lurche! Heute jagte hier auf der verrücktesten
Festivalinsel Europas ein Highlight das naechste. Doch
bevor die Suomi Darker von The 69 Eyes gegen 16.30 als
erste Band die Bühne betraten, war noch eine Menge Zeit.
Darum schreib Euch kurz mal etwas vom Vormittagsprogramm.
Nachdem
wir jeden morgen so ca. um 9 Uhr durch die "ungarische"
Hitze geweckt werden, gehts ersteinmal ab unter die
Duschen. Die Wassertemperatur ist hier allerdings nicht
viel höher als die eines alpinen Gebirgsbaches, so dass
man ganz schnell mal etwas Atemnot bekommen kann. Hat
das kühle Nass keinen Herzstillstand verursacht, kann
man (muss man) gleich wieder dort anknüpfen, wo erst
vor ein paar Stunden aufgehört wurde: Bier schlucken
bis der Arzt kommt! Dieser Programmpunkt fiel heute
allerdings ein bisschen zu heftig aus.
Ich
sah die Dark Metaler von The 69 Eyes zwar noch auch
der Hauptbühne stehen und jubelte ihnen zu, aber die
pralle Mittagssonne gab mir innerhalb weniger Minuten
den Gnadenstoss. Sanft schlafend und schwitzend wie
eine Sau, so liess ich mir spaeter sagen, verpasste
ich den "Inder-Guru" Panjabi MC und beinahe auch noch
Moloko, haette mich nicht eine unserer netten Nachbarinnen
geweckt.
Ich schnappte mir schnell ein Handtuch, wetzte unter
die Dusche (in der Hoffnung meinem Körper wieder frische
einzuhauchen) und von dort weiter vor die Centerstage.
Und da standen Moloko auch schon. Mit gut 60.000 Menschen
feierten sie eine wunderschöne Party und begeisterten
selbst die letzten Hinterlaender mit ihrer Musik.
 Es
war schon irre, was hier an Leuten unterwegs war. Ich
glaube halb Budapest hatte sich heute aufgemacht; es
können gut an die 230.000 Menschen gewesen sein. Aber
was Wunder auch. Zeitgleich mit Moloko spielten noch
die deutschen Reggae-Seeed und die Finnen-Streicher
Apocalyptica. Und das nicht vor minder gefüllten Bühnen.
Als Moloko mit ihrer Show durch waren, spurtete ich
rüber zur Metalbühne, um noch die letzten apokalyptischen
Töne einzufangen. Leider vergebens.
Die Jungs hatten ihren Auftritt gerade beendet und
ich konnte nur noch applaudieren. Tja, dafür sah ich
danach quasi als "Entschaedigung" eine mir bis jetzt
unbekannte, aber in Ungarn hoch im Kurs stehende Metalband
namens P.Box. Die Herren haute wirklich fett in die
Saiten und lieferten das volle Metalbrett. Das Zelt
stand Kopf; aber ehrlich gesagt steht hier seit vier
Tagen jedes Zelt Kopf.
Am Rande dieses Gigs kam dann noch ein ziemlich betrunkener
Ungarn auf mich zu und erzaehlte mir ersteinmal ganz
stolz, dass sein Grossvater früher bei der SS war und
Hitler eigentlich ganz nette Ideen gehabt haette. Als
ich dies hörte nahm ich schnell reiss aus, ich hatte
naemlich verdammt kein bock mich von diesem Penner weiter
zutexten zu lassen. Aber zum Glück sind solche Fehlgeleiteten
die absolute Ausnahme!
 Mein
letzter Date war gegen 1 Uhr nachts im Wan2-Zelt. Hier
drehten Zion Train aus England wie wild an den Knöpfchen
ihrer Computer. Diese Band besteht nun schon seit über
15 Jahren, und ist zusammen mit Dub Syndicate eine der
wohl bedeutensten Vorreiterbands im elektronischen Dubbereich.
Was sie hier und heute auf dem Sziget anstellten, verdiente
schon den grössten Respekt. Die Leute flippten völlig
durch und das Tent war zu einer einzigen Nebelwolke
verkommen, so extrem war die Luftfeuchte angestiegen.
Auch ich gab alles, und war am Ende fix und fertig.
Ich sehnte mich nur noch nach meinem Zelt!
Sziget-Festival
2003 - Der sechste Tag
Das Wetter bringt einen hier wirklich zur Weissglut!
Erst schüttet es fast 3 Tage am Stück wie
aus Eimern, und jetzt herrscht hier eine fast unertraegliche
Hitze. Bei Tagestemperaturen von fast 35 Grad ist man
hier quasi zum Nichtstun verdammt. So bestand der heutige
Nachmittag eigentlich ausschliesslich darin, jeden auch
noch so kleinen Gang zu vermeiden, um sich nicht der
Gefahr eines Schweissausbruches auszusetzen. So kauerten
wir stundenlang auf unserem Campingplatz, richteten
unsere Liegemöglichkeiten alle halbe Stunde neu
aus und wartetend sehnsüchtig auf den Sonnenuntergang.
Als dieser endlich eintrat, begann für uns auch
wieder das Rock'n'Roll-Leben. Jetzt wurde in Druckbetankungsmanier
all das nachgeholt, was am Nachmittag auf der Strecke
geblieben war. Ein Bier jagte das naechste, und schon
bald hatten wir wieder alle Lampen am leuchten.
Feucht
fröhlich gings dann vor die Mainstage, denn mit
den Fun Lovin Criminals hatte die vielleicht mit Slayer
interessanteste Band des Festivals ihre Showtime. Die
3 Amis legten einen super lustigen Gig aufs Parkett
und zeigten sich hier in Budapest überaus spielfreudig.
Ich mag die "Criminals" ausserordentlich gern,
denn sie vereinen in ihrer Musik von harten Gitarren
bis hin zu stampfenden Beats eigentlich alles, was der
"künstlerische Markt" zu bieten hat.
Die Zuschauer waren wohl ganz aehnlicher Meinung, und
feierten die Band gnadenlos ab.
Nachdem es das für den heutigen Tag auf der Hauptbühne
gewesen ist, gings für uns mal wieder zum Metalzelt.
Dort performte die schon zum Inventar des Festivals
gehörende Kiss-Coverband. Die Kerle aus Ungarn
sind seit "Menschengedenken" auf dem Sziget,
und schaffen es jedesmal aufs Neue die Massen zu elektrisieren.
 Um
2 Uhr morgens war dann aber in dem Glutofen Metalzelt
der "Painting-Spuk" vorüber und wir torkelten
über den Open-Air Kinoplatz zur letzte Anlaufstelle
Durex-Zelt. Dort sammelt sich eigentlich zu früher
Morgenstunde alles, was bis dato noch keinen Partner
für die kurze bevorstehend Nacht abbekommen hat.
Zu rassigen Discoklaengen wird hier geflirtet, was
das Zeug haelt. Auch wir schmissen unseren ganzen Charme
auf die Tanzflaeche, doch heute sollte es nicht sein.
Ausser ein bisschen Laberei kam nicht viel bei rum.
Vielleicht aber auch ganz gut so, denn dadurch konnt
ich endlich mal 3 Stunden am Stück richtig ausschlafen.
Sziget-Festival
2003 - Der siebte Tag
My body strikes back! Nach durchzechter letzter Nacht
scheint mir mein Körper heute all das heimzuzahlen,
was ich ihm zuvor über eine Woche angetan habe.
Er vergewaltigt mich! Ich sitze hier mit Schüttelfrost
in den Knochen, üblen Halzschmerzen, Grippeattacken
und einem Brummschaedel so dick wie eine aufgequollene
Wassermelone.
Es
geht im Prinzip nichts mehr. Hier ist nur noch abhaengen
angesagt und das Warten auf das Festivalende Dienstagnacht.
Doch falls ihr jetzt denken solltet, nur mir allein
würde es so mies gehen, weit gefehlt!
Die ganze Insel ist mittlerweile zu einem grossen Siechelager
verkommen. Würde das Open-Air anstatt einer Woche
einen Monat dauern, so könnte man hier anschliessend
getrost mit dem Leichenwagen durchfahren und 60% der
Menschen in Saerge verfrachten.
Doch Qualen und Schmerzen hin oder her, getrunken wird
so lange, bis das Ziel erreicht ist, und davon sind
wir noch 24 Stunden entfernt. Also hoch die Tassen!
Die
ersten Band, die wir uns heute angesehen haben, waren
die H-Blockx aus dem schönen Münster.
Sie spielten zu unserer allgemeinen Verwunderung um
18 Uhr auf der Mainstage des Sziget. Füllen sie
in Deutschland nicht mal mehr mittelgrosse Hallen, so
ziehen sie hier noch weit über 20.000 Menschen
vor die Bühne. Und das bei dieser gnadenlosen Hitze!
Doch
der Auftritt war ein echtes Armutszeugnis. Irgendwie
können einem die Herren um Saenger Henning Wehland
leid tun, wenn man mit ansehen muss, wie diese Truppe
immer mehr zerfaellt. Es existiert überhaupt kein
Feuer und Dampf mehr, es ist ein einziges "in Erinnerungen
an frühere Zeiten" schwelgen. Das war auch
der Grund, wieso wir uns lieber wieder in ein schattiges
Plaetzchen zurückzogen, um noch eine Runde zu kuscheln.
Gegen 21 Uhr war dann aber die Stille vorbei. Hunderte
von Metal begeisterten Ungarn kamen an unserem Zeltplatz
vorbei und skandierten immer wieder mit lautem Gegröhle
"Slayer, Slayer".
Die
vier Amerikaner waren an diesem Montag der Headliner
auf der Centerstage und wurden ihrem Ruf als beste Trash-Metalband
mal wieder vollkommen gerecht. Über 50.000 Leute
moshten sich bei subtropischen Temperaturen das Gehirn
aus dem Schaedel.
Dieser enorme Druck, diese irrsinnige Double-Bass
und und der mega-fette Sound trieben auch mich von einer
Erektion in die naechste. Ohne zuweit vorgreifen zu
wollen, es war wohl das beste Konzert des Sziget 2003.
Nach Slayer war für mich dann Schicht im Schacht.
Mein Körper streikte inzwischen auf ganzer Linie,
und ich wollte nur noch schlafen.
Sziget-Festival 2003 - Der achte
und letzte Tag
Mit
dem frühen Schlafen hat ich mir das ja toll ausgedacht,
aber mach das mal der multi-nationalen Zeltburg klar.
Die Jungs und Maedels nahmen verstandlicher Weise überhaupt
keine Rücksicht auf son kranken Penner wie mich
(ich würds ehrlich gesagt auch nicht tun), und
feierten heftiger und lauter denn je.
Schliesslich ist es für die meisten hier die
letzte Nacht, und da wird dann eben nochmal kraeftig
die Sau rausgelassen. Zum Glück beruhigte sich
das Geschehen am frühen Vormittag dann doch noch
ein bisschen, so dass ich meine Aeuglein nochmal für
ca. 3 Stunden schliessen konnte.
Obwohl
es der letzte Festivaltag war, von Aufbruchstimmung
und dadurch minderwertiger Bandbesetzung konnte nicht
die Rede sein. Gegen 16.30 Uhr laeuteten "The Spook
and the Guay" aus Frankreich den Endspurt auf der
Mainstage ein.
Richtig interessant wurde es dann beim zweiten Act.
Die "Voodoo Glow Skulls" verlangten mit ihrem
Trash- und Speed-Ska den Besuchern nocheinmal alles
ab, und liessen den Stage-Ground von ihren Fans so richtig
fett umwaelzen. Auch ich schmiss noch ein letztes Mal
in das Getümmel in vordester Front.
Nach
den "...Glow Skulls" war dann ersteinmal aufraeumen
angesagt, und unsere Karre in einen reisefaehigen Zustand
bringen. Das hiess in erster Linie, ein Überbrückungskabel
organisieren, um der "toten" Auto-Batterie
wieder Leben einzuhauchen. Als die dann endlich wieder
mukkte und auch alles übrige erledigt war, gings
für dieses Jahr ein allerletztes Mal auf Patrolie.
Uns zogs dabei geschlossen vor die Weltmusikbühne.
Dort beschloss Goran Bregovic mit seiner Wedding &
Funeral Band das Sziget-Programm. Bregovic mutierte
durch zahlreiche Filmmusiken zu einem Megastar auf dem
Balkan, bei uns wurde er vor allem durch den Movie-Soundtrack
zu "Weisse Katze, Schwarzer Kater" sehr berühmt.
Wie
man allerdings seine unkonventionelle Musik am schlausten
beschreiben soll, dass weiss ich auch nicht so recht.
Ich denke mit Zigeuner-Speed-Metal liege ich da gar
nicht so schlecht. Das nochmal zahlreich erschiene Publikum
tanzte sich den Arsch ab, und wollte den guten Goran
gar nicht mehr gehen lassen. Doch nach einer frenetisch
geforderten Zugabe, war dann auch hier Sense.
Auf
dem Weg zurück lauschten wir kurz noch bei der
Want2-Bühne, wo Laibach aus Slowenien in den letzten
schweren Gitarrenakkorden lagen. Gegen kurz nach Mitternacht
schloss unser Lurch-Team dann aber endgültig das
Kapitel "Sziget-Festival 2003" und machte
sich auf den langen heissen Heimweg.
Wir
hoffen Euch mit unsere Doku Heisshunger auf dieses einmalige
Festival gemacht zu haben, und vielleicht feiern wir
ja naechste Jahr schon zusammen hier. Uns würds
riesig freuen.
Einen exklusiven Nachbericht mit allen Bands und vielen
Fotos wirds in den naechsten Tagen nartürlich auch
noch geben. Bis dahin viszlát, ciao, tschüss,
servus,doridenja und goodbye aus Budapest.
Ahoi aus Budapest Guido |