| Sowi-Absolvent
und Sportreporter Werner Hansch im Interview
Der Leiter der Dortmunder Sat.1-Sportredaktion hat
1976 sein Sowi-Diplom abgelegt und zählt heute
zu den populärsten deutschen Fußballreportern.
Wenn Sie vom Durchmarsch des 1. FC Kaiserslautern
zur deutschen Meisterschaft berichten oder vom Auf und
Ab der Dortmunder Borussen, hat das noch etwas mit Ihrem
Studium der Sozialwissenschaften zu tun?
Werner Hansch: Inhalte aus meinem Studium, mit denen
ich heute noch etwas anfangen könnte, gibt es nicht.
Ich habe dieses Studium ja angetreten mit der ganz klaren
Zielsetzung, politischer Journalist zu werden, und es
als reine Bewußtseinsschulung angesehen. Kritisches
Denken hat es damals - es waren ja die Folgejahre der
68er Bewegung - ganz gut vermittelt.
Natürlich habe ich seitdem nicht aufgehört,
ein politisch denkender Mensch zu sein, und beobachte
die Tagespolitik, natürlich auch die Sportpolitik
- die dramatische Kommerzialisierung des Fußballs
beispielsweise. Solche Dinge mit Distanz zu sehen, gehört
sicher zu den Fähigkeiten, die ich während
meines Studiums erworben habe.
Sie wollten zum politischen Journalismus? Warum
kam es dazu nicht?
1976
stand ich nun da mit meinem Prädikatsexamen und
habe mich bei allen großen Zeitungen beworben.
Politischer Journalismus, das wäre es gewesen.
Ich hätte mir zum Beispiel gut eine Korrespondentenstelle
in Warschau vorstellen können. Ich hatte Pech:
Es war die Zeit, in der viele kleine Zeitungen von Blättern
wie der WAZ geschluckt oder dichtgemacht wurden. Immer
mehr Kollegen standen auf der Straße. Und so sehr
ich auch mit meinen Zeugnissen wedelte, ich wurde einfach
nicht gebraucht.
Sie haben sich dann zum Sport umorientiert?
Eher bin ich dort hängengeblieben. Ich hatte schon
vor meinem Sowi-Studium im Sportjournalismus gearbeitet.
Übrigens nicht nur dort: Ich hatte zunächst
einige Semester Jura und Neuere Geschichte studiert.
Im Frühjahr 1961 starben innerhalb von vier Wochen
meine Eltern, was für mich als 22jährigen
ein sehr harter Schlag war, außerdem stand ich
plötzlich mittellos da. Ich hab drei Jahre lang
die verschiedensten Jobs gemacht.
Um wieder etwas Sinnhafteres zu tun, bin ich über
ein Kurzstudium Lehrer geworden und war zweieinhalb
Jahre im Volksschuldienst.
Ich fühlte mich aber dort nicht wohl und hatte
die Idee, in den Journalismus zu gehen. Ich begann,
als Sportjournalist für Zeitungen zu schreiben.
Wie führte der Weg weiter zum Rundfunkreporter?
Über eine Reihe von Zufällen. Ein Bekannter
wurde Geschäftsführer beim Pferderennverein
Recklinghausen und bot mir eine Stelle in der Presseabteilung
an. Ich nahm an und konnte nach einiger Zeit, als ein
Kollege ausfiel, als Rennbahnsprecher einsteigen.
Am 24. Februar 1973 kam ich zum Fußball. An diesem
Tag brannte es auf der Rennbahn. Der damalige Bahninspektor
Hans Schneider war Hobby-Stadionsprecher in Gelsenkirchen
und bat mich händeringend, ihn dort zu vertreten.
Ich hatte bis dahin kein einziges Bundesligaspiel gesehen,
das interessierte mich gar nicht.
Schalke spielte gegen den FC Bayern München mit
Maier, Beckenbauer und Schwarzenbeck - Namen, die mir
damals nichts sagten. Ich begrüßte die Zuschauer,
wie ich es vom Pferderennen her gewohnt war: "Guten
Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren." Es
ging ein Raunen durch die Reihen; das hatte vor mir
kein Stadionsprecher gesagt. Als die Mannschaften einliefen,
leistete ich mir einen inzwischen legendären Versprecher:
"Und hier die Mannschaften, mit der Startnummer
1: Norbert Nigbur". Heute weiß ich: Pferde
haben Startnummern, Fußballspieler nur Nummern.
Ich wäre am liebsten im Boden versunken, aber die
Leute lachten, weil sie es für einen Scherz hielten.
1974 war ich Sprecher bei den WM-Spielen in Gelsenkirchen.
1978 machte mir der WDR ein Stellenangebot, und am 4.
November war ich zum ersten Mal auf dem Sender. Es folgte
15 wunderbare Jahre beim Radio.
1990 kam das Fernsehen hinzu. Reinhold Beckmann war
zu Premiere gegangen, und Heribert Faßbender holte
mich ins Sportschau-Team. Seit 1992 bin ich nun bei
Sat.1.
Gespräch: Thomas Pfeiffer
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