| LUCKY JIM INTERVIEW
RED INK, der Garant für hochkarätige Indiemusik,
beschert uns das mittlerweile zweite Album des englischen
Duos LUCKY JIM, welches in ihrer Heimat auf SKINT erscheint.
SKINT-Macher Fatboy Slim hatte den absolut richtigen
Riecher und nahm die beiden schon für ihr erstes
Wek als ersten nichtelektronischen Act auf sein Label!
Die euphorischen Kritiken dazu gaben ihm Recht. Nun
stehen die beiden LUCKY JIM Macher Gordon Grahame und
Ben Townsend Rede und Antwort.
1. Lucky Jim ist für viele hier noch eine relativ
neue Band. Gib’ uns doch mal bitte einen kleinen
Abriss eurer Biographie.
Gordon: „Lucky Jim wurde gegründet als
ich von Glasgow nach Brighton gezogen bin und Ben bei
einem Konzert traf, bei dem ich Solo spielte. Er war
Schlagzeuger in einer Band und mochte meine Musik.
Wir sprachen darüber ein Album zu machen. Ich
zog nach Brighton und wir begannen an diesem Album
zu arbeiten ohne zu wissen, was wir damit machen würden.
Aber es wurde ziemlich gut und wir bekamen einen kleinen
Vertrag, anschließend bekamen wir einen größeren
Vertrag in Brighton. Wir veröffentlichten unser
Album „Our Troubles End Tonight“ und gingen
hauptsächlich in Großbritannien und Deutschland
auf Tour.
In Deutschland waren wir am erfolgreichsten.
Danach fingen wir an am zweiten Album zu arbeiten und
dieser Prozess dauerte ziemlich lang. Zunächst
nahmen wir ein Album auf und gaben es unserer Plattenfirma,
aber es war nicht ausgereift genug, um unser zweites
Album zu werden. Eigentlich waren es nur ein paar Songs.
Sie mochten es und meinten, es könnte unsere nächstes
Album werden.
Dann wurde es kompliziert weil sie ein
paar Songs ändern wollten und dann, nach ca. sechs
Monaten, waren keine Songs vom ursprünglichen
zweiten Album mehr übrig. Wir nahmen noch einige
andere Tracks auf, aber keiner mochte sie, weder die
Plattenfirma, noch wir. Sie waren einfach nicht so
gut. Letztendlich hatten wir eine Art inneren Druck
das Album fertig zu stellen und gingen ins Studio,
wo wir all diese verschiedenen Songs nahmen und die
Instrumentierung wieder herauskitzelten, sie neu aufnahmen,
einige Teile änderten … Und heraus kam dieses
Album.“ 2. Ben du hast einen Schnellkurs in Musikproduktion
belegt und dann habt ihr euer erstes Album mit diesem
Wissen aufgenommen. Ist das wirklich so einfach, ein
Album zu produzieren?
Ben: „Es ist so einfach. Wenn dich etwas total
begeistert und du wirklich daran interessiert bist,
hast du die Versessenheit und Energie dich voll rein
zu hängen. Ich bin wirklich dankbar, dass Gordon
und ich uns zu der Zeit trafen. Es war perfektes Timing:
Die Idee war da, die technischen Fertigkeiten sowie
eine große Menge Energie zwischen uns beiden.
Wir kannten uns überhaupt nicht als wir uns bei
dem Konzert trafen, das Gordon erwähnt hat. Es
muss eine Art musikalisches Blitzen zwischen uns gegeben
haben, ansonsten hätten wir wohl nicht angefangen,
so miteinander zu redden.
Sechs Wochen später
bekam ich einen Anruf: "Ich bin umgezogen, was
ist mit der Platte?’ Er kam noch am selben Tag
vorbei und wir fingen sofort an. Am ersten Tag entstand
ein Take, welches später der erste Track von „Our
Troubles End Tonight“ wurde: „You Stole
My Heart Away“. Ich schlug Löcher in die
Wände meines Wohnzimmers und steckte Kabel durch
um ein Studio zu improvisieren.
Gordon kam rein um
sich die Sachen anzuhören und sagte "Ja,
das wird gut!’ und wir fingen an die Songs auszuarbeiten.
Es war ein sehr natürlicher Prozess, ich schätze
mal ich hatte Glück – Lucky Jim. Ich traf
einfach den richtigen Kerl zur richtigen Zeit. Es klang
toll. Viele Leute haben es schwer ihren eigenen Sound
zu finden. Wir hatten keinerlei Druck, darum war es
so einfach für uns, den Lucky Jim Sound zu finden.“ 3. Ihr habt eure Songs ja quasi in Eigeninitiative
bei dir Zuhause aufgenommen. Ist es für den kreativen
Prozess gut, wenn man kein Budget hat?
Ben: „Es gibt keine Uhr, die tickt. Wir arbeiten
ziemlich schnell, mit einer Menge Energie. Alles passiert
sehr schnell.“
4. War es schwer nach dem schnell produzierten ersten
Album das zweite Album aufzunehmen?
Gordon: „Ich wusste, dass sobald wir mit dem
ersten Album fertig sind von mir erwartet werden würde,
die nächsten 10 Songs abzuliefern. So wie ich
bin, schrieb ich diese Songs sofort, damit ich der
Plattenfirma auf die Frage was mit dem Nachfolger sei,
antworten könnte, ich hab ihn schon geschrieben.
Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, ich hätte mich
gut abgesichert, weil es anders ist ein Album ohne
fremden Einfluss zu machen.
Das erste Album war okay,
es war gut für uns, es hat uns etabliert. Aber
es brachte nicht viel Geld und machte die Leute nicht
dauerhaft glücklich. Jeder erwartete mehr vom
zweiten Album und wir mussten ganz anders an die Sache
rangehen. Nach dem Motto: Haben wir Singles? Also versucht
man Singles zu schreiben, etwas worüber ich noch
nie nachgedacht hatte. Ich schreibe einfach nur Songs
und denke nicht großartig darüber nach,
ob sie sich als Single eignen.
Aber mir wurde klar,
dass ich Kompromisse eingehen oder wenigstens ein paar
neue Tricks lernen musste, wenn ich weiterhin Musik
machen wollte. Der Lernprozess ist Teil des Grunds,
warum wir so lang für das Album gebraucht haben.
Letztlich hatten wir diesen Berg neuer Songs und wussten
nicht, was wir mit ihnen anfangen sollten. Wir wussten
nicht, ob das schon das Album war. Unser Label involvierte
jemanden, der so etwas wie ein A&R war und mit
den Arctic Monkeys und Franz Ferdinand gearbeitet hatte.
Er hörte sich unsere Sachen an und gab uns Hinweise,
wie daraus ein Album werden könnte. Zu diesem
Zeitpunkt waren wir praktisch zu blind für eine
objektive Entscheidung, wie ein Album zu sein hat.
Wir machten also diese typische Industrie-Erfahrung.
Das künstlerische war Nebensache. Aber irgendwie
verstehe ich jetzt einen Teil dieses Prozesses und
außerdem hab ich es überlebt. Ich erinnere
mich, dass wir etwas nach Hause nahmen, von dem wir
dachten, es sei das neue Album. Wir hörten es
uns an und telefonierten bis in die Nacht: "Ich
mag es nicht. Was machen wir jetzt? Aber endlich fügte
es sich zusammen ich verstand, warum es fertig war.
Allerdings war es vollkommen anders als Musik zum eigene
Vergnügen zu machen.“ 5. Jetzt hast du gerade gesagt, dass ihr nicht
fähig
seid eine Hitsingle zu schreiben. Du hast doch Produktionstechnik
gelernt. Da müsstest du das doch eigentlich wissen
wie es geht, oder?
Ben: „Da hast du recht, aber nur so lange man
es nicht tun muss. Es ist leicht Musik ohne hohe Erwartungen
zu machen. Aber wenn man sich anpassen muss, wenn man
etwas Erfolg will, ist es nicht mehr so leicht. Wir
lieben es Musik und Platten zu machen! Das bedeutet
nicht, dass man nur noch Kompromisse eingehen muss.
Es bedeutet einfach, dass man nach anderen Regeln spielt
und das ist wahrscheinlich der Grund, warum wir bei
den Aufnahmen so viel falsch gemacht haben. Wir sind
Menschen, wir können nicht immer alles beim ersten
Mal richtig machen.
Wir lernen schnell und wenn wir
etwas falsch gemacht haben fragten wir uns warum es
falsch war und was man tun muss, um es richtig zu machen.
Es gab einen Punkt an dem sich die Produktion schon
sehr lange hingezogen hatte und wir einfach nur fertig
werden wollten. Wir hatten ca. 38 Tracks und es wurde
langsam lächerlich. Aber es war kein Album. Man
kann nicht einfach so Tracks zusammenwürfeln.
Sie müssen eine Form, eine Einheit ergeben und
die muss ehrlich sein.
Alles andere merkt man der Musik
sofort an und wir würden nicht damit durch kommen.
Also mussten wir uns zusammenreißen und ein Bündel
Songs finden, von denen wir wussten, dass sie zusammen
passen. Wir nahmen alles aus diesen Songs raus, abgesehen
von der Stimme und fingen noch mal von vorn an: Lass’ uns
die Instrumentierung perfekt und schön arrangieren,
lass’ uns zum romantischen Sound zurück
kehren, sei er nun dunkel und schwer oder leicht und
fröhlich. Und dann erreichten wir plötzlich
einen Punkt an dem wir dachten "Ich denke, das
ist es!’ Und auch die anderen Leute meinten "Das
ist brilliant!’ Wir dachten nur Stop! Nicht mehr!
Man hat manchmal die Neigung weiter zu kochen und die
Dinge anbrennen zu lassen …“ 6. Um auf den Albumtitel zu sprechen zu kommen: „All
the King’s horses“ hat dieser Titel eine
tiefere Bedeutung?
Gordon: „ “All The King’s Horses” ist
aus einem Kinderreim namens “Humpty Dumpty”.
Er geht ‘Humpty Dumpty sat on the wall/ Humpty
Dumpty had a great fall/ All the king’s horses
and all the kings men/ couldn’t put Humpty together
again’. Das ist einer der berühmtesten Kinderreime.
Es gibt keinen besonderen Grund, warum ich ihn als
Titel vorgeschlagen habe. Vielleicht, weil dieses Album
eigentlich mehr eine Sammlung von Songs ist. Es hat
kein vorrangiges Konzept.
Es war schwer, alles unter
einen Hut zu bringen, deshalb fiel uns auch die Titelwahl
so schwer. Alles, was ich mir ausdachte, passte nicht.
Aber “All The King’s Horses” passte.
Vielleicht, weil es so viele Liebeslieder sind. Man
benutzt den Ausdruck ‘All the king’s horses’ um
zu beschreiben, dass es nichts gibt, um etwas wieder
ganz zu machen. Ich dachte, zu sagen etwas ist kaputt,
passt ganz gut zu Liedern über gebrochene Herzen.“ 7. Euer erstes Album „All our troubles end tonight“ habt
ihr im Wohnzimmer aufgenommen. Macht ihr das immer
noch so?
Ben: „Ja, meistens. Um ehrlich zu sein, war
die Produktion auch räumlich sehr ausgedehnt.
Wir haben in mehreren Studios aufgenommen: Wir waren
in London und in einer alten Scheune in der Nähe
von Brighton, wo wir einen tollen Schlagzeugsound hatten.
Aber größten teils haben wir zu Hause gearbeitet.
Es war schön, obwohl es auch so Druck gab. Aber
die Leute wissen nicht wo du bist und was du die ganze
Zeit über machst. So können wir einfach zusammensitzen
und an unserem Zeug arbeiten. Es hilft auf jeden Fall,
um alles wieder in die richtige Richtung zu lenken.
Ich werde das jetzt immer so machen. Obwohl meine Frau
ein wenig verärgert ist, dass ich dauernd Löcher
in die Wände bohre und Kabel durch stecke. Sie
ist ein bisschen beunruhigt.“
8. Handelt euer Lied „Don Quixote“ von
der literarischen Vorlage, oder ist das nur eine Metapher,
die ihr benutzt habt?
Gordon: „Ich habe den Roman nicht gelesen. Ich
kenne die Geschichte nur aus dem Musical „Der
Mann von La Mancha“. Es war nur eine Metapher.
Wenn ich einen Song schreibe weiß ich meistens
nicht, worüber ich schreiben werde, bis ich damit
anfange. Zum Beispiel fing ich bei diesem Song mit
der Zeile ‚Up on the mountains with the lillys
and pines’ an und erst später entwickelte
es sich zum Liebeslied. Zu der Zeit war ich kurz davor,
mich von meiner Freundin zu trennen und vielleicht
habe ich unbewusst das verarbeitet, was zwischen uns
war.
Viel von dem was ich über den Titel “All
The King’s Horses” gesagt habe, handelt
auch von jemanden der weiß, dass ihn eine Person
nicht mehr liebt und das es keinen Weg gibt, um sie
zurück zu gewinnen. Aber er glaubt noch immer
an diese Liebe und dass sie sich irgendwie beweisen
wird. Er kann sie nicht zurückholen, aber er kann
beweisen, wie sehr er geliebt hat. Es ist eine Metapher
für jemanden, der bewusst Dinge tut die zum Scheitern
verurteilt sind, weil es das ist, was seinen Gefühlen
entspricht.“ 9. Gordon redet ja mit einem sehr ausgeprägten
schottischen Akzent. Ben, du kannst das ja besser beurteilen:
singt er auch mit starkem Akzent?
Ben: „Nein, ich finde nicht. Gordon hat seinen
eigenen Gesangsstil entwickelt. Wir haben mal einen
Song aufgenommen, der fast so etwas wie eine schottische
Hymne war. Da hatte er diese stolze schottische Stimme,
weil es gut gepasst hat. Aber das war wahrscheinlich
das einzige Mal, das ich ihn mit dieser Stimme singen
gehört habe.“
10. Habt ihr alles selber eingespielt, oder
hattet ihr Gastmusiker die euch unterstützt
haben?
Ben: „Wir hatten einige Gastmusiker bei ein
paar Tracks, außerdem kam gelegentlich ein Freund
vorbei und hat Orgel oder Akkordeon gespielt. Einige
der Aufnahmen entstanden an unterschiedlichen Orten.
So haben wir z.B. einen winzigen Teil des Studios eingepackt
und sind in ein kleines Haus in Schottland gefahren.
Die Lieder „Don Quixote“ oder „Lovebirds“ sind
so entstanden. Also ja, es gab ein paar Gastmusiker,
die uns geholfen haben.“
11. Eure Backing Vocals klingen manchmal sehr
schräg
und merkwürdig. Ist das Absicht?
Ben: „Ja, sowas mag ich! Z.B. der erste Track “Sophia” hat
in meinen Augen einen großartigen Backing Vocal.
Aber alle anderen im Studio fanden, es wäre zu
altmodisch und schräg. Aber das Gefühl war
perfekt. Gordon war im Studio, die Lautsprecher waren
voll aufgedreht und er ist durch die Gegend gesprungen
während er die Backing Vocals gesungen hat. Es
klang leidenschaftlich, ein bisschen wie Elvis. Ich
fand es einfach toll! “
12. Mit dem Song „Dear Brother“ hast du
ein sehr persönliches Lied geschrieben. Worum
geht es darin genau?
Gordon: „Ja, "Dear Brother" ist über
jemanden den ich kannte, als ich in Amsterdam lebte.
Er war ein Schriftsteller namens Tristan Egolf und
ich habe ziemlich lang Straßenmusik mit ihm gemacht.
Ich habe mit vielen Leuten Straßenmusik gemacht,
bis Tristan auftauchte. Ich glaube, er kam ursprünglich
aus Philadelphia, bin mir aber nicht sicher. Wir wurden
Freunde und als ich Amsterdam verließ um nach
Spanien zu reisen, ging er nach Paris um dort sein
Buch zu schreiben. Irgendwann meldete er sich und bot
mir an in seinem Apartment zu wohnen, weil er bei seiner
Freundin wohnte, aber schon Geld in das Apartment investiert
hatte. Ich wohnte eine zeitlang dort, musste aber tagsüber
weggehen, weil Tristan dort sein Buch „Lord Of
The Barn Yard“ schreiben wollte. Er war einer
dieser Menschen, die für kurze Zeit dein Leben
streifen und bei dir den Eindruck hinterlassen, dass
sie wahre Künstler sind. Ich glaube, dieses Gefühl
hatten wir beide von dem anderen. Ich erinnere mich
daran, dass einmal sein Manuskript herumlag und ich
eine Seite aufhob und kurz überflog. Ich dachte ‚Ja,
er kann schreiben!’ So als wenn man in einen
Buchladen geht, ein Buch nimmt und sich denkt, dass
das bestimmt gut ist. Wir haben uns Gesellschaft geleistet
und von Zeit zu Zeit habe ich versucht, ihn mal wieder
zu erreichen. Aber vor nicht allzu langer Zeit habe
ich eine eMail von jemanden bekommen, den wir beide
in Paris kennen gelernt hatten. Er schrieb er hätte
tragische Neuigkeiten von Tristan: Er hatte sich erschossen.“
13. Wir haben vorhin über Hitsingles gesprochen. „Another
Way Of Loving You“ könnte doch eine sein,
oder?
Ben: „Wir haben das im traditionellen Lucky-Jim-Stil
aufgenommen. „Another Way Of Loving You“ entstand
sehr schnell bei mir zu Hause. Es ist ein großartiger
Song. Als wir das Album zusammen stellten hatte Gordon
so viele Songs, aber wir wollten eine fortlaufende
Dynamik entwickeln, in der es Platz für verschiedene
Arten von Songs gibt. Und dieser hier hat einfach so
eine schöne Stimmung, so eine leichte, fröhliche
Melodie. Es war nicht schwer ihn aufzunehmen, es hat
viel Spaß gemacht. Ein bisschen Beach Boys, ein
paar Glocken – es ist gut! “
14. Meiner Meinung geht euer zweites Album mehr in
Richtung Popmusik als das erste. Wie seht ihr das?
Gordon: „Ich glaube, bei diesem Album hatten
wir andere Köpfe auf. Wir haben uns aus einer
komplett anderen Richtung angenähert. Wir dachten
uns, wir könnten ein Album in Tradition zu den
klassischen 70er Alben wie “Rumours” oder “Bridge
Over Troubled Water” machen. Obwohl ich nicht
glaube, dass es das geworden ist ... Beim ersten Album
sind wir nie wirklich in ein Studio gegangen. Diesmal
sind wir in verschiedenen Studios ein- und ausgegangen,
haben mit verschiedenen Bands an verschiedenen Orten
gespielt und versucht, eine Single zu produzieren.
Offensichtlich wussten wir überhaupt nicht, welcher
Song eine Single sein könnte, also sind wir einen
Großteil der Stücke angegangen, als wären
sie Singles. Das hat wahrscheinlich die Arbeit so beeinflusst,
dass dieses Album mehr in Richtung eines Pop Albums
geht als das erste.“
15. Wie kommt es, dass das neue Album erst
in Deutschland und dann erst in England erscheint?
Das ist doch eher
ungewöhnlich.
Ben: „Es ist merkwürdig und ungewöhnlich.
Aber das Red Ink Büro in Deutschland war sehr
stolz darauf, dass wir dort vom ersten Album mehr verkauft
haben als in England. Und sobald das neue Album fertig
war, wollten sie es veröffentlichen. In England
war man wegen dem dreimonatigen Vorlauf der Presse
noch nicht bereit für die Veröffentlichung.
Es war noch nicht alles vorbereitet. Aber das deutschen
Büro war so versessen auf die Veröffentlichung,
dass die Plattenfirma in England zugestimmt hat. Vielleicht
ist es sogar besser die Platte zeitversetzt zu veröffentlichen.
So können wir uns auf das jeweilige Land konzentrieren.“
16. Was ist das Problem mit Lucky Jim in England.
Seid ihr nicht cool genug? Habt ihr die falschen Frisuren?
Ben: „Ich hab’ schon eine ziemlich schlimme
Frisur! Ich weiß es nicht. Wenn wir in Deutschland
sind und Konzerte und Interviews geben, habe ich das
Gefühl, dass die Leute mehr auf die Texte achten.
Sie mögen die Musik, aber sie mögen auch
die Texte. Manchmal glaube ich, in England ist man
oberflächlicher. Wir wünschen uns Fans, die
mehr über die Musik wissen wollen. Aber die englische
Musikszene ist überschwemmt und wir passen vielleicht
nicht ganz rein. Aber wir wollen uns nicht anpassen,
nur weil das leichter wäre. Also machen wir es
auf unsere Art, auch wenn es etwas schwerer ist, verstanden
zu werden.“
17. Ihr geht relativ selten auf Tour, warum?
Ben: „Wir sind für das erste Album im Wesentlichen
nicht auf Tour gegangen. Beim ersten Album gab es keine
klare Veröffentlichung. Diesmal ist es anders:
Diesmal gibt es ein festes Datum, es ist ziemlich schwarz-weiß.
Damals war „Our Troubles End Tonight” schon
veröffentlicht bevor wir von einem anderen Label
unter Vertrag genommen wurden. Es wurde dann nur noch
einmal veröffentlicht. Wir gaben ein paar Konzerte,
dann kamen wir nach Deutschland und Holland. Wir tourten
ein bisschen in Deutschland, z.B. waren wir Vorband
für Element Of Crime in Berlin. Das war alles.
Danach gingen wir zurück ins Studio. Und das dauerte
ewig, wie eben erwähnt. Jetzt sind wir sehr gespannt:
Platte fertig, gemastert, Veröffentlichungsdatum – wir
sind aufgeregt! Wir können loslegen und promoten,
ein paar Konzerte geben … Es wird großartig!“
18. Wie sieht ein Auftritt von euch beiden
aus? Seid ihr nur zu zweit auf der Bühne oder
engagiert ihr eine komplette Band?
Gordon: „Wir haben gerade eine Band zusammengestellt.
Das ist unser drittes Line-Up. Wir haben zwei andere
Musiker, Bass und Keyboard. Die beiden spielen sonst
bei der Band Turin Brakes. Sie sind mit Abstand die
besten Musiker, mit denen wir gespielt haben. Das verändert
auch unseren Sound. Wir haben bis jetzt nur ein paar
mal mit ihnen geprobt und schon gewaltige Fortschritte
gemacht. Manchmal laufen wir Gefahr, zu sehr wie eine
Pop Band zu klingen. Dieses neue Line-Up unterstützt
die Platte.“
19. Gordon du hast früher viel Erfahrungen in
der Open-Mic-Szene in New York gesammelt. Glaubst du,
dass dir das jetzt bei Lucky Jim hilft?
Gordon: „Seit ich einen Plattenvertrag habe,
spiele ich weniger als vorher. Es ist verrückt!
Früher habe ich fast jede Nacht drei Stunden gespielt.
Wenn ich mir die Tonnen an Material vorstelle, die
ich gespielt habe … In letzter Zeit habe ich
fast überhaupt nicht mehr gespielt. Aber ich habe
mit meinem Label ausgemacht, dass ich mich selbst um
ein paar Touren kümmern kann. So habe ich einige
Konzerte mit Ocean Colour Scene gespielt. Hätte
ich das nicht gemacht, hätte ich wohl bald ernsthafte
Probleme bekommen, wenn es wieder ans Spielen gegangen
wäre. Man wird weich, Disziplin und Selbstbewusstsein
verschwinden je länger man der Bühne fern
bleibt. Wenn ich in Hochform bin und einen Menge spiele,
dann betrete ich die Bühne als wäre sie mein
Wohnzimmer. Ich habe keine Adrenalinschübe, die
will ich auch gar nicht haben. Ich möchte einfach
nur in die Musik eintauchen. Ich fange gerade an, dieses
Gefühl zurück zu gewinnen ...“
20. Bei so vielen Nebenaktivitäten, müssen
wir uns Sorgen machen, dass ihr von Lucky Jim noch
nicht leben könnt?
Gordon: „Der Grund, warum wir den Plattenvertrag
verlängert und das zweite Album gemacht haben,
ist folgender: Das erste Album hatte so viel Potential
und viele Leute hatten hohe Erwartungen in uns. Außerdem
haben wir in vielen Ländern positive Reaktionen
erhalten. Wenn man das alles zusammen zählt, sollte
das eigentlich eine Menge Plattenverkäufe ergeben.
Aber meinen Kontostand beeinflusst es eher symbolisch
als praktisch ... Wir bauen auf das neue Album und
hoffen, dass es unser Schicksal ändern wird.“
21. Ben machst du auch noch Dinge nebenbei?
Ben: „Es ist sehr schwierig, noch einen anderen
Job zu haben. Obwohl man für Musik sehr lange
braucht und sie auch nicht wirklich viel Geld einbringt,
muss man weiter machen. Jedenfalls wenn man an das
glaubt, was man tut. Es ist hart und man hat kaum Geld
zur Verfügung. Man muss sich einfach damit abfinden
und weiter arbeiten. Man kann das als Ansporn sehen,
aber es ist wirklich sehr schwierig.“
22. Aber es nicht so weit, dass du wieder als Snowboard-Lehrer
in der Schweiz arbeiten musst, oder?
Ben: „Nein, soweit ist es noch nicht! Aber wir
werden sehen, wie sich „All The King’s
Horses“ macht. Ich habe noch meine Ausrüstung
im Keller, also vielleicht...
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